Wie wird Hämophilie vererbt?

Wie wird Hämophilie vererbt?

Hämophilie ist eine Erbkrankheit. Das heißt, die betroffenen Kinder kommen meist schon mit ihr zur Welt. Sie haben die Störung der Blutgerinnung von ihren Eltern geerbt. Mindestens ein Elternteil trägt dann den Fehler des Erbguts in sich. Die Mutter allerdings ist meist nicht selbst erkrankt[BE1] . Zuweilen entsteht eine Hämophilie auch durch eine spontane Veränderung des Erbguts. Bei den klassischen Formen, der Hämophilie A und B, kommt dies in etwa einem von drei Fällen vor. Beim Von-Willebrand-Syndrom (VWS) sind spontane Mutationen hingegen äußerst selten.

Der Fehler des Erbguts liegt bei der Hämophilie auf dem X-Chromosom. Dieses Geschlechtschromosom – von dem Mädchen und Frauen zwei, Jungen und Männer aber nur eines besitzen – enthält neben vielen anderen Erbinformationen auch die Gene mit der Bauanleitung für zwei Eiweiße, die für die Blutgerinnung notwendig sind: die Gerinnungsfaktoren XIII und IX. Patienten mit Hämophilie A mangelt es aufgrund des fehlerhaften Gens auf dem X-Chromosom am Faktor XIII, Patienten mit Hämophilie B am Faktor IX.

Mädchen können den Fehler in ihrem Erbgut meist kompensieren

Jeder Mensch besitzt in den Zellkernen seines Körpers 46 Chromosomen, die gemeinsam alle Erbanlagen enthalten. 23 Chromosomen stammen vom Vater, 23 kommen von der Mutter. Nur 22 dieser Chromosomenpaare jedoch, die sogenannten Autosomen, sind von ihrem Aufbau her gleich. Das 23. Chromosomenpaar legt – unter anderem – das Geschlecht fest: Mädchen und Frauen besitzen, wie bereits erwähnt, zwei X-Chromosomen, Jungen und Männer ein X- und ein Y-Chromosom.

Da bei einer Hämophilie das Gen für den Gerinnungsfaktor fast immer nur auf einem der beiden X-Chromosomen verändert ist, erkranken Mädchen äußerst selten. Das gesunde Gen bewirkt bei ihnen, dass ihr Körper ausreichende Mengen des Faktors herstellen kann.

Allerdings kann es im Laufe des Lebens auch bei Mädchen und Frauen mit einem veränderten Gen vereinzelt zu Blutungskomplikationen kommen, zum Beispiel bei Operationen oder während einer Entbindung. Mitunter macht sich der Fehler in der Erbanlage auch durch eine stärkere oder längere Menstruationsblutung bemerkbar. Jungen mit einem veränderten Gen für den Gerinnungsfaktor XIII oder IX sind hingegen, da sie nur ein X-Chromosom besitzen, ausnahmslos erkrankt. Aus diesem Grund kommt die Hämophilie bei Jungen sehr viel häufiger vor als bei Mädchen.

Auch scheinbar gesunde Frauen können die Hämophilie vererben

Frauen mit einem mutierten Gen für einen der beiden Gerinnungsfaktoren können die Hämophilie jedoch an ihre Kinder vererben. Man nennt sie daher auch Überträgerinnen oder Konduktorinnen der Erkrankung. Die Töchter und Söhne, die diese Frauen zur Welt bringen, tragen den Fehler des Erbguts, sofern der Vater blutgesund ist, mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ebenfalls in sich.

Insgesamt gibt es vier denkbare Szenarien, wie eine Hämophilie entsteht beziehungsweise vererbt wird:

  • Die Mutter und der Vater sind gesund

Das Kind ist ebenfalls gesund. Wenn nicht, muss es sich bei ihm um eine spontane Mutation des Gens für den Gerinnungsfaktor handeln.

  • Die Mutter ist Überträgerin, der Vater ist gesund

Töchter sind mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 50 Prozent entweder gesund oder ebenfalls Überträgerin. Söhne sind mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 50 Prozent entweder gesund oder an Hämophilie erkrankt.

  • Die Mutter ist gesund, der Vater ist hämophil

Alle Söhne sind gesund, alle Töchter sind Überträgerinnen.

  • Die Mutter ist Überträgerin, der Vater ist hämophil

Diese Kombination kommt nur sehr selten vor. Töchter sind mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 50 Prozent entweder Überträgerin oder an Hämophilie erkrankt. Söhne sind mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 50 Prozent entweder gesund oder an Hämophilie erkrankt.

Überträgerinnen und Hämophilie-Patienten mit Kinderwunsch haben die Möglichkeit, sich in einem spezialisierten Zentrum genetisch beraten zu lassen. In dem Gespräch werden die Risiken, die sich für das Kind ergeben können, detailliert erörtert. Ebenfalls zur Sprache kommen denkbare Maßnahmen, die das Risiko von Komplikationen während der Geburt senken. Falls die Eltern es wünschen, kann darüber hinaus bei einem späteren Termin getestet werden, ob das Ungeborene an Hämophilie erkrankt ist oder nicht.

Am VWS erkranken Jungen und Mädchen gleichermaßen

Das Von-Willebrand-Syndrom (VWS) wird nach einem gänzlich anderen Muster als die klassische Hämophilie vererbt. Denn das Gen für den bei der Erkrankung fehlenden Von-Willebrand-Faktor (VWF) – ein Eiweiß, das ebenfalls für eine gut funktionierende Blutgerinnung erforderlich ist – liegt auf keinem Geschlechtschromosom, sondern auf dem autosomen Chromosom 12. Das bedeutet, dass Jungen und Mädchen gleichermaßen von der Krankheit betroffen sein können.

Es gibt verschiedene Varianten des VWS, die je nach Art der Mutation entweder autosomal-dominant oder autosomal-rezessiv vererbt werden. Bei einer dominanten Vererbung erkrankt das Kind bereits, wenn es das fehlerhafte Gen nur von einem Elternteil erhalten hat. Bei einer rezessiven Vererbung müssen die Gene beider Eltern verändert sein, damit es beim Kind zum Ausbruch der Krankheit kommt.

Die schwere Variante entsteht nur, wenn beide Eltern Überträger sind

Bei Patienten mit einem VWS vom Typ 1 ist die Funktion des VWF zwar normal, aber der Faktor ist nur in geringen Mengen vorhanden. Diese leichte Variante der Krankheit, die nur selten gesundheitliche Probleme bereitet und meist nur bei Routine-Untersuchungen, etwa vor Operationen, entdeckt wird, kommt bei etwa zwei Drittel aller VWS-Patienten vor. Sie wird autosomal-dominant vererbt.

Beim VWS vom Typ 2, an dem geschätzt zwischen 15 und 30 Prozent der Patienten leiden, wird ein fehlerhafter VWF gebildet. Oft liegt das Eiweiß zudem in nicht ausreichenden Mengen vor. Vom Typ 2 existieren noch einmal verschiedene Untergruppen, von denen die meisten autosomal-dominant und nur wenige autosomal-rezessiv vererbt werden. Die vermehrte Blutungsneigung ist oft bereits von Familienmitgliedern bekannt und wird meist schon im frühen Kindesalter sichtbar, zum Beispiel durch häufiges Nasenbluten oder das vermehrte Auftreten blauer Flecken. Bei Operationen oder Unfällen treten mitunter starke Blutungen auf.

Das VWS vom Typ 3 ist die schwerste Variante, bei der es neben den bereits beschriebenen Symptomen auch zu Muskel- und Gelenkblutungen kommen kann. Sie findet sich bei weniger als einem Prozent aller VWS-Patienten. Die Vererbung ist autosomal-rezessiv. Die Eltern, die beide Überträger der Erkrankung sind, haben meist keine auffällige Blutungsneigung. Ihre Kinder – Töchter wie Söhne – werden jedoch mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent erkrankt sein.

Quellen:
https://www.gesundheitsinformation.de/haemophilie-bluterkrankheit.2677.de.html
https://www.igh.info/inhalte/infos/haemophilie/
https://www.kinderblutkrankheiten.de/content/erkrankungen/gerinnungsstoerungen/

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