Der richtige Zeitpunkt für HIV Aufklärung bei Kindern

Der richtige Zeitpunkt für HIV Aufklärung bei Kindern

HIV-Infektionen sind bei Kindern selten. Von den Kindern, die zwischen dem 01.01.1999 und dem 31.12.2016 geboren wurden und unter 15 Jahre alt waren, waren in Deutschland 331 Kinder mit HIV infiziert.1 Das ist zumindest die Zahl, die dem Robert Koch Institut (RKI) bis Ende 2018 gemeldet wurde. Die meisten dieser Kinder (313 Kinder) steckten sich bei der Mutter während oder nach der Geburt an.1 Glücklicherweise gibt es Maßnahmen, die das Übertragungsrisiko von der Mutter auf ihr Kind auf ein Minimum reduzieren können (s. Beitrag „HIV und Schwangerschaft – Mit Vorsorge zum gesunden Kind“), so dass die Rate an HIV-Neuinfektionen bei Kindern im Laufe der Jahre erheblich zurückgegangen ist. Dennoch gibt es Fälle, in denen sich Kinder mit HIV infizieren. Doch was ist bei Kindern zu beachten? Gelten hier die gleichen Bedingungen wie für Erwachsene?

Kinder können nicht wie Erwachsene behandelt werden

Zwischen einer HIV-Infektion im Kindesalter und im Erwachsenenalter gibt es Unterschiede. Diese äußern sich im Infektionsweg, in der Reife des Immunsystems, in der Virusdynamik und im Krankheitsverlauf. Außerdem gibt es bei Kindern zusätzlich besondere Herausforderungen. Zu diesen zählen unter anderem Langzeitnebenwirkungen der Therapie, HIV-Resistenzen und Familienplanung. Aus diesem Grund haben die Deutsche AIDS-Gesellschaft (DAIG) und die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI) zusammen mit Experten eine Leitlinie zur HIV-Diagnostik und -Therapie eigens für Kinder erstellt.2

Wann sollte die antiretrovirale Therapie begonnen werden?

Bei Kindern, die sich mit HIV infiziert haben, stellt sich die Frage, wann eine antiretrovirale Therapie begonnen werden sollte und welche Wirkstoffe hierfür in Frage kommen. Denn nicht alle antiretroviralen Wirkstoffe eignen sich auch für Kinder. Zwar sind die Wirkmechanismen der antiretroviralen Wirkstoffe bei Kindern und Erwachsenen prinzipiell gleich, dennoch können Unterschiede in der Pharmakokinetik, also der Gesamtheit aller Prozesse, der ein Arzneimittel im Körper unterliegt, und im Nebenwirkungsprofil bestehen. Ziel der Therapie ist es, die Menge des Virus langanhaltend zu senken. In der Leitlinie wird empfohlen, dass Säuglinge und Kleinkinder im zweiten und dritten Lebensjahr unverzüglich eine antiretrovirale Therapie erhalten sollen.2 Bei älteren Kindern (zwischen 3 und 12 Jahren) gibt die Leitlinie hingegen keine generelle Therapieempfehlung, wenn die Kinder asymptomatisch sind. In diesem Fall ist es vertretbar, mit der Therapie zu warten, bis das Kind bereit dazu ist – vorausgesetzt der Zustand des Kindes ist klinisch und immunologisch stabil. Kinder, die älter als 12 Jahre sind, sollen hingegen wie Erwachsene therapiert werden.2 Die Auswahl der verschiedenen Medikamente richtet sich nach dem Alter des Kindes. Nicht alle antiretroviralen Medikamente sind für Kinder zugelassen.

Regelmäßige Kontrolluntersuchungen sind wichtig

Um den Kindern eine bestmögliche medizinische Versorgung bieten zu können, sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen unerlässlich. Diese sollen laut Leitlinie mindestens vierteljährlich erfolgen. Bei Kindern ab 5 Jahren, die seit mindestens 2 Jahren eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben, können die Intervalle zwischen den Kontrolluntersuchungen auf 6 Monate ausgeweitet werden.2 Hierbei ist zu beachten, dass gerade in Wachstumsphasen die Medikamentendosis angepasst werden muss, da es sonst zu Unterdosierungen und folglich zu einem Therapieversagen kommen kann.

Wann erzähle ich es meinem Kind?

Neben der Therapie und den Kontrolluntersuchungen ist es wichtig, die Kinder über die HIV-Infektion aufzuklären. Nur so können die Eltern und Ärzte sie auf ein selbständiges und eigenverantwortliches Leben vorbereiten. Doch wann sage ich es am besten meinem Kind? Auch zu dieser Thematik äußert sich die Leitlinie. Das Wichtigste vorweg: den einen richtigen Zeitpunkt gibt es nicht. Bei jedem Kind muss individuell entschieden werden, ab wann das Kind verantwortungsvoll mit dem Wissen umgehen kann. Hierbei spielen sowohl die kognitive als auch die emotionale Entwicklung des Kindes die entscheidende Rolle. Die Leitlinie der WHO (World Health Organization) von 2011 empfiehlt, die Kinder im Alter zwischen 6 und 12 Jahren altersgerecht über die HIV-Infektion aufzuklären. Schon vorher sollen die Kinder schrittweise auf die Bekanntgabe der Diagnose vorbereitet werden.3 Laut der Deutsch-Österreichischen Leitlinie sollte dem Patienten die Diagnose spätestens zu Beginn der Pubertät bekannt sein.2 Das Ziel ist, dass das Kind eigen- und fremdverantwortlich mit der HIV-Infektion umgehen kann. Für die Eltern ist die Diagnosemitteilung meist eine große emotionale Herausforderung. Doch sie sind mit dieser schwierigen Aufgabe nicht allein: der behandelnde Arzt steht den Eltern unterstützend zur Seite.

Quellen:
1. Marcus, U., Beck, N. Infektionen mit dem humanen Immundefizienzvirus bei Kindern in Deutschland, 1999–2016. Monatsschr Kinderheilkd (2020). Februar 2020 https://doi.org/10.1007/s00112-020-00865-4
2. Deutsche AIDS-Gesellschaft e. V. Deutsch-Österreichische Leitlinien zur antiretroviralen Therapie der HIV-Infektion bei Kindern und Jugendlichen. AWMF-Register-Nr.: 048-011. Klassifikation: S2k. Juni 2019.
3. Guideline on HIV Disclosure Counselling for Children Up to 12 Years of Age. Geneva: World Health Organization; 2011. PMID: 26158185.

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