Welt-Aids-Konferenz 2022 – Was gibt es Neues?

Welt-Aids-Konferenz 2022 – Was gibt es Neues?

Die Welt-Aids-Konferenz 2022 fand dieses Mal in Montréal in Kanada statt. Sie wurde erstmals hybrid ausgerichtet und bot Vorträge und Aktionen sowohl vor Ort als auch virtuell.

Der Fokus lag auf 3 wichtigen Themen:

  • U=U
  • Freiheit von Stigmatisierung
  • Support für vulnerable Gruppen

Gegen Stigmatisierung

Für alle Menschen mit HIV, so der Tenor der Konferenz, soll die Freiheit von Stigmatisierung erreicht werden.

Dazu kann auch beitragen, die Kampagne U = U (englisch: Undetectable = Untransmittable) bzw. auf Deutsch N = N (Nicht messbar = Nicht übertragbar) breiter in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

U = U bedeutet: Wird durch eine wirksame Therapie die Virenproduktion so weit unterdrückt, dass ein Nachweis im Blut nicht mehr möglich ist, ist auch eine Übertragung ausgeschlossen.

U = U ist eine Botschaft, die Menschen mit HIV ermutigen will, Scham und Angst abzulegen, an der Gesellschaft teilzuhaben, ihre Sexualität zu leben und Kinder zu bekommen. Zugleich soll sie helfen, Diskriminierung und Stigmatisierung in der Gesellschaft und im Gesundheitssystem abzubauen.

Langwirksame Medikamente: Mehr Wahlmöglichkeiten gefordert

Für einige Menschen mit HIV sind langwirksame Medikamente einfacher oder sinnvoller als eine tägliche Tabletteneinnahme. Bisher sind Depotspritzen jedoch nicht als Erstherapie zugelassen.  Die Redner der Konferenz sprachen sich dafür aus, dass in naher Zukunft jedem Menschen eine freie Therapiewahl, je nach Präferenz und Lebenssituation, zustehen solle.

Auch über neue langwirksame Wirkstoffe mit teils neuen Wirkmechanismen wurde berichtet. Zentral wurden hier das bereits zugelassene Cabotegravir und das im Juni 2022 zur Zulassung empfohlene Lenacapavir mit neuen Studiendaten und Entwicklungen erwähnt.

Aber auch noch weniger weit entwickelte Wirkstoffe wurden diskutiert. Zum Beispiel bNAbs (HIV broadly neutralizing antibodies) genannte Antikörper gegen HIV.

Die bNAbs (voraussichtlich mit subkutaner Behandlung alle 2 bis 6 Monate) zeigten sich in ersten Studien generell sicher und verträglich. Neben einer antiretroviralen Wirkung zeigten bNAbs eine Art „Impf-Effekt“, der die Widerstandskraft von Menschen mit HIV zu steigern scheint. Die bNAbs werden zudem als mögliche Partner-Wirkstoffe zur Ergänzung bereits besser bekannter langwirksamer Behandlungen geprüft.

Weitere Kongress-News zu langwirksamen Medikamenten und PrEP

Menschen mit HIV tendierten demnach eher zu langwirksamen Behandlungen als PrEP-Nutzer.

Langwirksames Cabotegravir (Injektionen) zeigte sich in randomisierten Studien bei Männern, Frauen und transgender Frauen als eine sichere und wirksame PrEP-Anwendung.

Zukünftig könnten langwirksame Therapien oder PrEP auch durch Wirkstoff-Pflaster (Microneedle-Patches oder transdermale Patches) eingesetzt werden und so die Behandlung vereinfachen.

HIV und Co-Infektionen

Die Vorträge fokussierten hierbei unter anderem auf die unterstützenden Maßnahmen, die notwendig sind, um Begleitinfektionen, wie Tuberkulose oder Hepatitis B oder C, zu verhindern. Dies umfasst sowohl soziale Strukturen und auch gezielte Maßnahmen für vulnerable Gruppen wie Menschen, die Drogen nehmen oder im Gefängnis sind. Denn gerade für dieses ist in vielen Ländern kaum Schutz vor einer weiteren Infektion geboten.

Weitere Kongress-News zu Co-Infektionen

Die DoxyPEP-Studie zeigte, dass Antibiotika, nach dem Sex eingenommen, die Zahl sexuell übertragbarer Infektionen deutlich reduzieren konnte. Ob hiermit aber das Risiko für Antibiotikaresistenzen gesteigert wird, muss noch geklärt werden.

Die Test-and-Treat-Strategie, also auf HIV-Infektionen zu testen und die Infektion zu behandeln, senkt nach einer vorgestellten Studie die Zahl der Tuberkulose-Infektionen.

Affenpocken, so zeigte eine nationale Studie, betraf disproportional Männer, die Sex mit Männern haben.

Der breite Einsatz von PrEP führte nach einer Untersuchung nicht zu mehr Fällen von Hepatitis C-Ansteckungen bei homosexuellen und bisexuellen Männern.

HIV-Heilung und -Impfung – Was ist möglich?

Bisher stecken Impfungen gegen HIV noch in einer frühen Phase der Forschung. Eine Reihe immunmodulatorischer Wirkstoffe, darunter auch die bereits beschriebenen Antikörper gegen HIV (bNAbs), scheinen jedoch vielversprechend zu sein.

Durch die bNAbs wird das Immunsystem angeregt, gegen die HIV-Infektion vorzugehen, so dass sich der Körper selbst gegen die Infektion wehren und infizierte Zellen vernichten kann. Erste klinische Studien lassen zwar noch nicht auf eine mögliche Heilung der HIV-Infektion für die Zukunft hoffen. Doch könnten die Antikörper womöglich Phasen ohne Behandlung, bei regelmäßiger Kontrolle, ermöglichen.

Weitere Kongress-News zur Heilung und Impfung

Das Medikament Pomalidomid, das zur Behandlung des Multiples Myeloms und des bei AIDS auftretenden Karposi-Sarkoms, eingesetzt wird, trug in einer Zellstudie auch zur Zerstörung HIV-infizierter Zellen bei.

Eine Stammzelltransplantation nach Leukämie führte bei einem Patienten zu ART-freier HIV-Suppression für bislang 17 Monate.

Fazit

Die Welt-Aids-Konferenz 2022 hat wichtige Weiterentwicklungen und Neuerungen bei der Prävention und Behandlung von HIV-Infektionen vorgestellt, die Hoffnung machen.

In Zukunft sind nicht nur mehr Therapieoptionen für Menschen mit HIV, sondern auch langfristig die Chance auf Therapie-freie Phasen denkbar.

Doch so gut die Fortschritte in der Medizin, desto weniger gut sind sie in Hinblick auf Ausgrenzung und Stigmatisierung. Hier muss noch viel getan werden, damit Menschen mit HIV nicht mehr im Alltag und im Gesundheitswesen ausgegrenzt werden.   

Referenzen:

  1. https://aids2022.org/

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