Mit dem Rolli am Strand

Mit dem Rolli am Strand

Ein endloser Sandstrand und wogende Wellen sind so lang der Inbegriff von grenzenloser Freiheit wie die eigenen Beine genau das machen, was man von ihnen möchte.

In dem Moment, in dem sie anfangen, ein Eigenleben zu führen und entweder total wackelig werden oder sogar beschließen, dass sie sich am Liebsten gar nicht mehr als Laufwerkzeuge betätigen möchten, wird der paradiesische Südseestrand zum Albtraum.

Mit unkoordinierten Füßen sackt man im weichen Untergrund ein und hat keinen Halt mehr. Mit schlappen Beinen im Rolli kommt man gar nicht voran, da die Rolli-Räder sofort im Sand stecken bleiben. Mit diesen Problemen sah ich mich konfrontiert, als meine Beine mir plötzlich nicht mehr gehorchen wollten.

Und da stand ich also wieder einmal an dieser Weggabelung, an der ich mich entscheiden sollte:

Übe ich mich in Akzeptanz, mache fortan keine Ferien mehr am Strand und höre mir mit Tränen in den Augen die Urlaubsgeschichten meiner Freundinnen an, die in den Nordseedünen sitzend ein Fischbrötchen gegessen oder an der italienischen Riviera die Füße im Sand vergraben und die neueste Strandmode des Mittelmeers bewundert haben? Oder pfeife ich auf die Akzeptanz und suche mir die nötigen Kleinigkeiten zusammen, die ich brauche, um strandtauglich zu sein und liege letztendlich selig am französischen Mittelmeerstrand und nippe an einem eisgekühlten Rosé?

Natürlich entschied ich mich damals und entscheide ich mich immer wieder für den Rosé.

Bevor ich jedoch den ersten Drink am Strand genießen kann, ist immer einiges zu tun. Damit es anschaulicher ist, bleibe ich gern beim kühlen Rosé und berichte heute von den Vorbereitungen zu meiner grade anstehenden Reise an die Côte d`Azur. Als Erstes suche ich mir eine barrierefreie Unterkunft, was in der Regel auch schon eine Herausforderung ist. Es wird im Übrigen auch nicht leichter, wenn man zusätzlich seit Neuestem auch noch einen Hund dabei hat. Aber all das ist ein anderes Thema.

Danach suche ich nach barrierefreien Strandzugängen in der Nähe meiner Unterkunft.

Manchmal mache ich es auch andersherum: ich suche erst den barrierefreien Strandzugang und dann die in der Nähe liegende barrierefreie Unterkunft. Das kann einen vor bösen Überraschungen bewahren, wenn sich herausstellt, dass im Umkreis von 30 km vom Ferienhäuschen entfernt weit und breit kein Strand ist, den man mit Rolli erreichen kann. Diesmal habe ich zuerst das Haus gebucht und brauche jetzt noch den barrierefreien Strand dazu.

„Barrierefreier Strandzugang“ bedeutet landläufig, dass man ohne Treppen mit dem Rollstuhl bis an den Strand, also bis zum Beginn des sandigen Untergrunds kommt. Das ist schon mal ziemlich viel wert, denn einige Strände sind nur über riesige Dünen (vor allem an der Nordsee) oder nur über steinige Wege und steile Klippen (vor allem an der Atlantikküste) zu erreichen.

Und tatsächlich hilft Google mir sofort:

https://www.france.fr/de/news/artikel/barrierefreie-straende

Auf dieser wunderbaren Website finde ich für jede Region Frankreichs Infos zur Barrierefreiheit von Strandzugängen und Stränden. Ich finde Infos zum Gefälle von Rampen, zum Vorhandensein von Bade-, Schwimm- und Strandrollstühlen. Ich erfahre, dass in Frankreich für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sogar zum Teil extra befestigte Wege angelegt worden sind, die das Fortkommen am Strand selbst erleichtern. Bade- und Schwimmrollstühle habe ich noch nicht ausprobiert. Aber von Strandrollstühlen kann ich nur schwärmen.

Es gibt sie in aller Regel in zwei Ausführungen, zum Geschoben-Werden und zum Selber-Fahren. Beide Modelle haben wahnsinnig dicke Räder, so dass man auch durch weichen Sand ganz locker durchkommt. Die Rollstühle sind jeweils ein gutes Stück „höhergelegt“, damit die Fahrerin bzw. der Fahrer nicht am Ende voller Sand und pitschepatschenass ist.

Modell Geschoben-Werden:

         

Modell Selber-Fahren (elektrisch bzw. solarbetrieben mit Joystick):

               

Zur Erinnerung an meine Anfänge mit dem Modell Selber-Fahren kommt hier noch einmal die kleine Episode aus meinem Beitrag „Einschränkung der Mobilität“:

„Vor vielen Jahren, als ich noch recht am Anfang meiner Erkrankung stand und eigentlich einfach nur gesund und fit sein wollte und mich innerlich gegen Hilfsmittel aller Art wehrte, fuhr ich mit Freunden an die Nordsee. Dort gab es für „gehbehinderte Inselbesucher“ ein so genanntes Wattmobil, das der Gehbehinderte ganz eigenständig über einen Joystick steuern konnte. Immerhin eigenständig, dachte ich. Meine Freunde waren begeistert, dass ich auf diese Weise an der Wattwanderung teilnehmen konnte. Ich fand das riesige Mobil, das mit einem gigantischen Solardeckel ausgestattet und dadurch noch größer war, zwar nicht so toll, willigte aber ein. Ich stellte mir vor, dass ich unauffällig in der letzten Reihe der großen Wandergruppe mitrollen könnte. Weit gefehlt. Der Wattführer Heino machte direkt zu Beginn eine Ansage: „Alle dem Wattmobil hinterher!“ Das war das Gegenteil von unauffällig. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm mir das alles war. Als wir ganz tief drin waren im Watt, kam es jedoch noch viel schlimmer als befürchtet. Da es den ganzen Tag über schon bewölkt gewesen war, hatte das Mobil sich entladen und ließ sich nun nicht mehr mit dem Joystick bewegen. Was folgte, war einfach nur furchtbar. Die mir teilweise völlig fremden Männer aus der Gruppe mussten dieses Monsterteil inklusive mir durchs Watt nach Hause schieben. Da es anscheinend sehr schwer war, mussten die Männer sich abwechseln. Ich hörte sie beim Schieben schnaufen, aber natürlich sagten sie, dass es gar nicht anstrengend sei und lächelten mich an. Meine Freundin gab mir zum Glück ihre große Sonnenbrille, so dass ich wenigstens unauffällig weinen konnte. Dieser Tag war der Gipfel der Abhängigkeit.

Ungefähr zehn Jahre später war ich mit den gleichen Freunden wieder auf der Insel und lieh mir Cadweazle aus, den Strandrollstuhl, mit dem ich ganz eigenständig mit allen zusammen einen wunderschönen langen Strandspaziergang inklusive Füße ins Meer Halten machte. Ich brauste den Wellen entgegen und blieb stehen, wenn ich eine besonders schöne Muschel oder einen Krebs entdeckt hatte. Dass mir meine Freundin die Muschel aufheben musste, weil ich selbst nicht dran kam, machte mir gar nichts aus.

Erst später wurde mir klar, dass Cadweazle das Wattmobil von damals war.“

Den ganzen Text zum Thema „Einschränkung der Mobilität“ findet man hier:

https://www.shop-apotheke.com/magazin/multiple-sklerose/einschraenkung-der-mobilitaet/

Weitere Informationen zu einzelnen Stränden findet man hier:

https://www.handiplage.fr/organisme-publique/pourquoi-label-handiplage

Diese Seite gibt einen Überblick über Strände, die als barrierefrei nach ganz bestimmten Kriterien zertifiziert sind. Das Label „Handiplage“ ist das Ergebnis des in Frankreich gesetzlich verankerten Rechts auf Zugänglichkeit von Orten des öffentlichen Lebens von Menschen mit Handicap. An „Handiplage“-Stränden gibt es neben Strandrollstühlen, Rampen, Bohlenwegen bis zum Wasser und einem rollstuhlgerechten WC eine weitere wertvolle „Zusatzausstattung“: Assistentinnen und Assistenten begleiten und unterstützen Menschen mit unterschiedlichsten Handicaps bei ihrem Strand- und Badeerlebnis umfassend. Leider ist die Seite nur auf französisch verfügbar.

Ich habe mittlerweile einen tollen Strand in der Nähe unserer Unterkunft gefunden. Den elektrischen Strandrolli habe ich schon par E-Mail reserviert.

Und nächstes Jahr will ich endlich mal auf die Malediven! Mal sehen, ob mein Urlaubsplanungssystem da auch funktioniert. Ich werde berichten.

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