Mythos Willenskraft: Warum Adipositas keine Entscheidung ist


Jahrelang wurde Adipositas auf Willenskraft heruntergebrochen – nach dem Motto: „Streng dich einfach mehr an“. Doch die Wissenschaft zeigt ein anderes Bild. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, alte Annahmen zu hinterfragen – und zu verstehen, warum (Selbst-)Mitgefühl und Wissen viel mehr bewirken als Schuldzuweisungen.
Adipositas betrifft Millionen Menschen in allen Regionen und Altersgruppen. In Deutschland lebt etwa jede fünfte erwachsene Person mit Adipositas. Und die Zahlen werden voraussichtlich weiter steigen. Bis 2035 schätzen Expertinnen und Experten, dass etwa die Hälfte der Weltbevölkerung – fast 4 Milliarden Menschen – mit Übergewicht oder Adipositas leben könnte. Fast alle kennen jemanden, der oder die betroffen ist.1,2,3
Viel zu lange ging es in der öffentlichen Debatte über Adipositas vor allem um Schuld, persönliches Versagen oder „zu wenig Willenskraft“. Wir möchten bewusst anders darüber sprechen – wissenschaftlich fundiert und mit Blick auf gemeinsame Verantwortung.
Seit Jahrzehnten hält sich in unserer Gesellschaft hartnäckig die Vorstellung, ein gesundes Gewicht zu erreichen und zu halten, sei vor allem eine Frage von Selbstdisziplin.
Viele kennen den Gedanken: Wenn jemand sich nur mehr anstrengen, besser essen oder mehr Sport treiben würde, hätte er oder sie kein Gewichtsproblem. Menschen, die selbst mit Adipositas leben haben, oft eine lange Geschichte der gutgemeinten Ratschläge erlebt: „Nimm doch mal die Treppe!“ oder „Hast du schon diese oder jene Diät probiert?“ Kritische Blicke im Restaurant, beim Einkaufen, beim Essen sind für viele Alltag, und viele haben selbst auch verinnerlicht, dass sie vielleicht einfach nicht „genug“ Selbstbeherrschung hätten.
Doch das greift zu kurz – Adipositas ist eine komplexe Krankheit. Genau deshalb geht es bei einer Behandlung darum, die Gesundheit zu verbessern – nicht nur das Gewicht zu reduzieren.4
Die Forschung zeigt heute klar: Adipositas ist kein persönliches Versagen, sondern eine chronische Erkrankung, die durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren geprägt wird.2,4
Genetik: Unsere Gene beeinflussen, wie der Körper Appetit und Sättigung steuert, Energie verbrennt und Fett speichert.5
Umwelt: Wo wir leben, was wir essen und wie unser Alltag organisiert ist, kann das Körpergewicht beeinflussen – und lässt sich nicht allein durch individuelle Entscheidungen erklären.2
Psychische Gesundheit: Gedanken, Gefühle, Stress und Prozesse im Gehirn beeinflussen das Essverhalten und wie wir auf Essen reagieren. Diese Faktoren können mit Biologie und Umwelt zusammenwirken.2,4
Weitere Faktoren: Auch Schlaf, bestimmte Medikamente und zugrunde liegende Erkrankungen können das Körpergewicht und die Gewichtregulation beeinflussen.5,7
Adipositas ist eine chronische Erkrankung, die durch mehrere miteinander verknüpfte Faktoren beeinflusst wird.
Wenn Gewichtsmanagement als Willenskraftfrage dargestellt wird, entsteht eine Kultur aus Schuld und Scham – und eine strukturelle Stigmatisierung. Das schafft Hürden für Menschen, die Unterstützung suchen: genau die Unterstützung, die sie brauchen.
Was hilft also wirklich? Ein guter Anfang ist, Adipositas als das zu verstehen, was sie ist: eine chronische Erkrankung – kein persönliches Versagen. Wenn wir unseren Blickwinkel ändern, als jeder Einzelne, als Betroffene und als Gesellschaft, wird es einfacher, offen über Adipositas zu sprechen – und sie als Erkrankung anzuerkennen, bei der ärztliche Unterstützung notwendig ist. Das kann Schamgefühle verringern und es leichter machen, Hilfe anzunehmen oder aktiv einzufordern.
Was wäre, wenn wir aufhören würden, Menschen zu sagen „streng dich mehr an“ – und stattdessen die Gespräche führen, die wirklich weiterhelfen?
Mit Adipositas zu leben, bedeutet nicht automatisch, dass jemand krank ist – aber es erhöht das Risiko für andere chronische Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebsarten.2,5
Wenn wir weniger urteilen, sehen wir klarer, wie viele Faktoren das Körpergewicht beeinflussen. Stigma abzubauen beginnt bei uns allen.5
Stark einschränkende Diäten wirken langfristig nicht.6 Es gibt andere, wirksame Möglichkeiten, Adipositas zu behandeln – und wer medizinische Unterstützung braucht, sollte Hilfe bekommen können.
Lange Zeit stand in der Erzählung rund um Adipositas vor allem die individuelle Anstrengung im Mittelpunkt. Doch die Evidenz zeigt ein komplexeres Bild – geprägt von Biologie, Umwelt und Lebensumständen, die man von außen oft nicht sieht. Wenn wir diesem Thema mit Neugier, Empathie und verlässlichen Informationen begegnen, schaffen wir Raum für bessere Gespräche und wirksamere Unterstützung für alle.
Artikel veröffentlicht im Juli 2026.
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Mit freundlicher Unterstützung von Lilly Deutschland GmbH .
Referenzen
1. Robert Koch Institut. Themenschwerpunkt: Übergewicht und Adipositas. Stand: 16.02.2024. https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Koerperliche-Gesundheit/Adipositas-und-Uebergewicht/themenschwerpunkt-adipositas.html Abgerufen: 25.06.2026
2. World Health Organization. Obesity and overweight. World Health Organization. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/obesity-and-overweight. Published December 8, 2025. Abgerufen: 25.06.2026
3. World Obesity Federation. 8 Billion Reasons To Act on Obesity. World Obesity Day. https://www.worldobesityday.org/ Abgerufen: 25.06.2026
4. Pashby R. Obesity is NOT a Motivation Problem. Obesity Action Coalition. https://www.obesityaction.org/resources/obesity-is-not-a-motivation-problem Published Fall 2024. Abgerufen: 25.06.2026
5. Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) e.V.: S3-Leitlinie Adipositas - Prävention und Therapie Version 5.0 Oktober 2024. Verfügbar unter: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/050-001 Zugriff am 25.06.2026
6. Hall KD, Kahan S. Maintenance of lost weight and long-term management of obesity. Med Clin North Am. 2018;102(1):183-197. doi:10.1016/j.mcna.2017.08.012. Abgerufen: 25.06.2026
7. Centers for Disease Control and Prevention. Risk Factors for Obesity. Centers for Disease Control and Prevention. https://www.cdc.gov/obesity/risk-factors/risk-factors.html Updated November 14, 2025. Abgerufen: 25.06.2026
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