Eröffnet die kontinuierliche Glucose-Überwachung (CGM) Diabetikern neue Berufsmöglichkeiten?

Eröffnet die kontinuierliche Glucose-Überwachung (CGM) Diabetikern neue Berufsmöglichkeiten?

Die kontinuierliche Glucose-Überwachung (Continuous Glucose Monitoring, CGM) gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt, wird aber noch nicht von vielen Menschen mit Diabetes genutzt (nach einer Schätzung nur von 6 % der Menschen mit Typ-1-Diabetes und noch weniger bei denen mit Typ-2-Diabetes). Das liegt wohl daran, dass die Technik einerseits nicht billig ist und die Krankenkassen die Geräte nur unter bestimmten Voraussetzungen übernehmen (siehe unten), andererseits könnte die Vorstellung, dauernd ein Gerät am Körper tragen zu müssen, viele abschrecken. Die CGM hat jedoch einige Vorteile und könnte Menschen mit Diabetes neue private und berufliche Möglichkeiten eröffnen.

Was ist kontinuierliches Glukose-Monitoring (CGM)?

Das kontinuierliche Glukose-Monitoring (CGM) überwacht selbstständig und kontinuierlich den Zuckerspiegel im Gewebe. Damit kann der Diabetespatient zu jeder Zeit – Tag oder Nacht – automatisch Informationen über seine Blutzuckerwerte erhalten. Dazu wird ein Sensor ins Fettgewebe direkt unter die Haut injiziert (normalerweise in die Bauchdecke oder den Unterarm). Der Sensor misst Veränderungen des Glukosespiegels in der Körperflüssigkeit (in der interstitiellen Flüssigkeit, nicht im Blut!) und sendet die Informationen an ein Empfangsgerät, einen speziellen kleinen Monitor oder auch ein Smartphone, das am Körper getragen wird. Das CGM-Gerät zeichnet die Glukosemesswerte automatisch rund um die Uhr auf und zeigt die Ergebnisse alle paar Minuten auf dem Monitor an. Der Diabetespatient kann also jederzeit seinen aktuellen Zuckerwert und auch den Trend ablesen – also ob der Glukosespiegel eher steigt oder sinkt. Manche Geräte haben zusätzlich eine Alarmfunktion, die vor drohender Unterzuckerung (Hypoglykämie) warnen.

Vorteile des kontinuierlichen Blutzuckermessgeräts (CGM)

Studien, die den Nutzen solcher Geräte in der Praxis untersuchten, kamen zu dem Ergebnis, dass die CGM-Nutzer – im Gegensatz zu ihren Erwartungen – insgesamt sehr gut mit den Geräten zurechtkamen. Außerdem war Hypoglykämie (zu niedriger Blutzucker) bei den CGM-Nutzern weniger häufig, nämlich durchschnittlich 43 Minuten pro Tag, im Vergleich zu 80 Minuten pro Tag in der Kontrollgruppe.

Im Vergleich zur konventionellen Zuckermessung aus dem Blut der Fingerkuppe, die üblicherweise nur einige wenige Messwerte pro Tag liefert, stellt die CGM einen vollständigen Verlauf des Glukosewertes während eines Tages dar. Es gibt also keine „weißen“ Flecken mehr, zum Beispiel nachts oder nach Mahlzeiten. Das ermöglicht nicht nur eine bessere Anpassung der Insulintherapie z.B. nach Mahlzeiten, sondern ist auch unter Sicherheitsaspekten von Vorteil: Die Anzeige des aktuellen Glukosewerts, die Alarmfunktion und der Trend des Glukoseverlaufs bieten ein deutliches Plus an Informationen.

CGM eröffnet neue Möglichkeiten

Gerade in vielen risikobehafteten Berufen kann man sich keine Blutzucker-„Blindflüge“ leisten. Mit der CGM-Technik jedoch haben die Betroffenen während der Arbeit ständig ihre aktuelle Glukosekontrolle im Auge und werden zusätzlich durch Alarme auf akute Risiken hingewiesen. Auf diese Weise kann das Risiko einer Unterzuckerung oder eines schweren Zuckerschocks während der Arbeit erheblich minimiert werden.

CGM-Techniken am Arbeitsplatz sind daher gerade unter Sicherheitsaspekten von Vorteil, betont auch die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM). Diabetiker können damit Berufe ausüben, die bisher mit inakzeptablen oder schlecht vorhersehbaren Risiken verbunden waren. Dazu gehören Pilot, Polizist, Soldat, Berufstaucher oder ähnliches. Ob ein Diabetes-Patient im Einzelfall für einen solchen Beruf voll geeignet ist, muss jedoch der Betriebsarzt zunächst anhand einer individuellen Gefährdungsbeurteilung analysieren.

Was sind die Nachteile der CGM-Geräte?

Die kontinuierliche Glukoseüberwachung bringt jedoch auch einige Nachteile mit sich:

  • Der Betroffene muss ständig ein Gerät mit sich tragen.
  • Die Sensoren müssen gemäß den Empfehlungen des jeweiligen Geräteherstellers regelmäßig ausgetauscht werden.
  • Die Notwendigkeit einer traditionellen Blutzuckermessung entfällt nicht. Sie wird immer noch benötigt, um das CGM-Gerät zu kalibrieren und um Hypo- oder Hyperglykämie zu bestätigen, bevor Korrekturmaßnahmen ergriffen werden.
  • Da der Blutzuckermesswert in der Gewebsflüssigkeit gemessen wird und nicht die tatsächliche Blutzuckerkonzentration widerspiegelt, kann eine “Verzögerungszeit” zwischen beiden Werten von 5 und 20 Minuten auftreten. Das ist nicht dramatisch, wenn der Blutzuckerspiegel relativ konstant ist. Zeigt der Trend im CGM-Monitor jedoch an, dass der Blutzuckerspiegel über einen kurzen Zeitraum gesunken ist, empfiehlt es sich, einen Fingerbluttest auf Hypoglykämie durchzuführen.

Die CGM-Geräte sind nicht billig. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur im Einzelfall auf Antrag und nach Prüfung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK). Voraussetzung ist das Vorliegen einer medizinischen Indikation zur Anwendung des CGM. Private Krankenkassen übernehmen die Kosten in der Regel. Dabei genügt zur Beantragung häufig ein einfaches Rezept.

 

Quellen:
Biester T et al.: „Lass doch mal die Pumpe machen“: Hohe Zufriedenheit dank weniger Hypoglykämien bei prädiktiver Hypoglykämieabschaltung – Eine multizentrische Anwendungsbeobachtung des SmartGuard-Algorithmus. Diabetologie 2017; 12: 286–293.
Siegmund T et al.: Discrepancies between blood glucose an interstitial glucose. Technological artifacts or physiology: Implications for selection of the appropriate therapeutic target. J Diabetes Sci Technol 2017; 11: 766–772.
https://www.asu-arbeitsmedizin.com/Archiv/ASU-Heftarchiv/article-804714-110576/diabetes-in-hochrisiko-arbeitsbereichen-.html

 

 

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