Resilient mit MS leben

Resilient mit MS leben

Die Multiple Sklerose, abgekürzt als MS bezeichnet, ist eine Erkrankung mit vielen möglichen Symptomen wie etwa Sehstörungen, Gehschwierigkeiten und Gleichgewichtsproblemen, Schmerzen und Krämpfen, die sich oft in plötzlichen Schüben bemerkbar machen. Die MS stellt durch ihr wechselndes und häufig unberechenbares Gesicht eine große Herausforderung für Betroffene dar. Sich dieser Herausforderung Tag für Tag zu stellen, erfordert ein gutes Maß an Resilienz.   

Resilienz bedeutet, dass Menschen auf fordernde Lebenssituationen eingehen, indem sie ihr Verhalten oder ihre Einstellung anpassen. Die Resilienz soll in der belastenden Situation unterstützen und helfen, neue Wege zum Umgang mit der Belastung zu finden.

Resilienz: Sich an die Lebenssituation anzupassen, kann die Belastung mindern

Italienische Forscher untersuchten, ob Resilienz bei MS messbar mit psychischen Symptomen zusammenhing. Sie fanden bei 106 MS-Patienten signifikant niedrigere Grade von Ängsten und depressiven Symptomen, wenn zuvor höhere Resilienz-Werte ermittelt worden waren.1 Resilienz könnte bei der MS somit helfen, Einschränkungen, Behinderungen und belastende Symptome als weniger belastend zu empfinden.

Gesund altern mit MS mit Resilienz unterstützen

Auch in höherem Alter kann die Fähigkeit, sich flexibel auf die Lebenssituation mit MS einzustellen, eine Rolle spielen, fand eine kanadische Untersuchung. Neben verschiedenen Aspekten der Lebenssituation wurde bei 743 älteren Menschen mit MS eingeschätzt, wie resilient sie waren. Patienten mit hohem Grad an Resilienz lebten demnach gesünder und bewegten sich mehr als Patienten mit weniger Resilienz. Besonders die Dauer der MS-Erkrankung, die Verlaufsform sowie mögliche Depressionen oder Fatigue waren wesentliche Faktoren beim gesunden Älterwerden. Dennoch sah die Studie einen kleinen, signifikanten Beitrag von Resilienz zum gesunden Altern.2

Resilienz stärken bei MS: Akzeptanz, Achtsamkeit und zielgerichtet handeln

Aber wie kann Resilienz im Alltag umgesetzt und gefördert werden? Eine randomisiert kontrollierte Studie (klinische Studie der Phase 2) ermittelte mit MS-Patienten, ob Resilienz trainiert werden kann. Das Training basierte auf der Akzeptanz-und-Commitment-Therapie (ACT), die verhaltenstherapeutisch Achtsamkeit und Akzeptanzstrategien nutzt. Dabei werden gezielt 6 Aspekte geübt:

  • Akzeptanz: Ihre Situation ist durch Erfahrungen in der realen Welt geprägt. Was stört Sie, was gefällt Ihnen daran? Auch die ungeliebten Aspekte gehören dazu.
  • Kognitive Defusion: Beobachten Sie Ihre Gedanken. Was tun die Gedanken mit Ihnen und wie beeinflussen Sie Ihre Gefühle? Schreiben Sie die Gedanken, die Sie besonders belasten, auf und versuchen Sie, zu notieren, in welchen Situationen diese Gedanken auftauchen. Was wäre, wenn diese Gedanken nicht wahr wären?
  • Bewusstsein für den aktuellen Moment (Achtsamkeit): Spüren Sie, wie Ihr Körper sich im Moment anfühlt, wie Kleidung auf der Haut aufliegt, Körperteile warm oder kühl sind, ein Schmerz an einer Stelle sitzt. Spüren Sie so auch ihre Emotionen genauer, auch wenn sie unangenehm sind, und überlegen Sie: Was könnte Ihnen gut tun, wenn diese Emotion auftritt?
  • Selbst als Kontext: Versuchen Sie, bewusst die Perspektive zu wechseln: Von sich selbst als “Erlebendem” zur Position eines “Beobachters”.
  • Werte: Überlegen Sie sich, welche Werte und Ziele Ihnen wichtig sind. Schreiben Sie diese auf.
  • Engagement: Überlegen Sie, wie Sie die gewählten Ziele durch gerichtetes Handeln erreichen könnten.  

Die Studie mit 39 Teilnehmern fand, dass dieser Ansatz gut von den Patienten angenommen wurde und ihnen das Gefühl eines besseren Umgangs mit ihrer Lebenssituation mit der MS gab.3

Die eher sperrig klingenden verhaltenstherapeutischen Konzepte wandelte eine Gruppe von Forschern mit Hilfe einer Online-Befragung von Patienten in besser begreifbare Bilder um, mit denen der Sinn der Konzepte besser vermittelt werden könnte. Wesentlich dabei ist ein Schiff auf dem Meer: Den Wind ändern kann man nicht, wohl aber die Segel anders setzen – sich also entweder gegen die Situation wehren oder aber, die eigenen Ziele vor Augen, die Situation und die vorhandenen Mittel für sich nutzen. Das Ziel dabei ist für viele Betroffene, so schlossen die Forscher, eine aktive Rolle im Management der Erkrankung, Autonomie und Selbstwirksamkeit zu gewinnen, um so selbst die eigene Lebensqualität wieder stärker in der Hand zu haben.4

Nicht den Wind ändern wollen, sondern das Segel anders setzen

Aus der bisherigen, noch jungen Forschung zur Resilienz zeigt sich somit, dass die Fähigkeit, sich an die Situation anzupassen und trotzdem nicht die wesentlichen Ziele und Werte aus den Augen zu verlieren, also Resilienz, auch die Lebenssituation mit der MS verbessern helfen könnte. Resilienz kann demnach verhaltenstherapeutisch gefördert werden, soll aber auch durch einfache Konzepte im Alltag geübt werden. Dazu gehört, den Moment nüchtern zu betrachten und dabei die eigenen Empfindungen und Reaktionen zu beobachten, statt sich von ihnen vereinnahmen zu lassen. Auch eigene Werte und Ziele zu setzen und offen für Erfahrungen zu sein, können demnach wichtige Schritte zu mehr Lebensqualität bei MS sein.

Referenzen
1. Sbragia E, Colombo E, Pollio C, Cellerino M, Lapucci C, Inglese M, Mancardi G, Boffa G. Embracing resilience in multiple sclerosis: a new perspective from COVID-19 pandemic. Psychol Health Med. 2021 Apr 25:1-9. doi: 10.1080/13548506.2021.1916964. Epub ahead of print. PMID: 33899615. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33899615/

2. Ploughman M, Downer MB, Pretty RW, Wallack EM, Amirkhanian S, Kirkland MC; Health, Lifestyle and Aging with MS Canadian Consortium. The impact of resilience on healthy aging with multiple sclerosis. Qual Life Res. 2020 Oct;29(10):2769-2779. doi: 10.1007/s11136-020-02521-6. Epub 2020 May 20. PMID: 32436112. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32436112/

3. Giovannetti AM, Quintas R, Tramacere I, Giordano A, Confalonieri P, Messmer Uccelli M, Solari A, Pakenham KI. A resilience group training program for people with multiple sclerosis: Results of a pilot single-blind randomized controlled trial and nested qualitative study. PLoS One. 2020 Apr 9;15(4):e0231380. doi: 10.1371/journal.pone.0231380. PMID: 32271833; PMCID: PMC7145197. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32271833/

4. Poli S, Rimondini M, Gajofatto A, Mazzi MA, Busch IM, Gobbin F, Schena F, Del Piccolo L, Donisi V. “If You Can’t Control the Wind, Adjust Your Sail”: Tips for Post-Pandemic Benefit Finding from Young Adults Living with Multiple Sclerosis. A Qualitative Study. Int J Environ Res Public Health. 2021 Apr 14;18(8):4156. doi: 10.3390/ijerph18084156. PMID: 33919974; PMCID: PMC8070973. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33919974/

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