Fibromyalgie: Wenn alles weh tut


Schlafstörungen, Müdigkeit, Erschöpfung und Muskelschmerzen – Fibromyalgie (auch Fibromyalgie-Syndrom genannt) ist eine Erkrankung, die man den meisten Menschen, die damit leben, nicht ansieht. Häufig werden sie daher nicht ernst genommen oder ihnen wird sogar vorgeworfen, dass sie sich alles nur einbilden. Dabei ist Fibromyalgie eine chronische Erkrankung, die die Lebensqualität erheblich beeinflussen kann.
Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzerkrankungen, die häufig dem rheumatischen Formenkreis zugeordnet wird, auch wenn sie keine rheumatische Erkrankung ist. Fibromyalgie ist ein Ganzkörper-Schmerzsyndrom, das sich vor allem durch chronische Muskelschmerzen äußert.1 Diese können sich wie ein sehr starker Muskelkater anfühlen oder wie eine schlimme Muskelzerrung.2 Oft treten die Schmerzen in der Nähe von Gelenken oder Muskelansätzen auf. Auch die Wirbelsäule ist sehr häufig betroffen.3 Das Gemeine daran ist: Diese Schmerzen sind unberechenbar. An einem Tag sind sie stärker, am anderen eventuell kurzfristig etwas weniger stark. Und sie können in unterschiedlichen Körperregionen auftreten.2 Dadurch fällt die tägliche, aber auch die langfristige Lebensplanung sehr schwer.
Zusätzlich zu den Schmerzen kommen noch Schlafstörungen, Müdigkeit und Erschöpfung hinzu. Auch Konzentrationsstörungen gehen auf die Fibromyalgie zurück. Einige Menschen mit Fibromyalgie beschreiben ein dumpfes, leeres oder „vernebeltes“ Gefühl im Kopf. Ärzte sprechen daher vom „fibro fog“ (Englisch für Fibro-Nebel).2,3
Lange wurde Fibromyalgie auch als „Weichteil-Rheuma“ bezeichnet. Doch diese Bezeichnung ist irreführend, denn die Schmerzen kommen nicht von den Muskeln oder inneren Organen und es handelt sich auch nicht um eine rheumatische Erkrankung.2
Heute weiß man, dass die Schmerzen durch eine gestörte Schmerzverarbeitung im Gehirn entstehen. Die Reizschwelle für Schmerzen ist bei Menschen mit Fibromyalgie sehr niedrig.2 Dadurch empfinden sie schon geringe Reize als schmerzhaft, die andere Menschen noch gar nicht als Schmerz wahrnehmen.
Forscherinnen und Forscher vermuten, dass die gestörte Schmerzverarbeitung auf einer genetischen Veranlagung beruht. Im Zusammenspiel mit körperlicher oder seelischer Belastung kann so die Fibromyalgie entstehen.2
Häufig entwickelt sich die Fibromyalgie über einen längeren Zeitraum mit diffusen Schmerzen oder weiteren Schmerzerkrankungen wie Kopfschmerzen, Regelschmerzen, Reizdarm oder chronischer Blasenentzündung.2 Oft treten die Schmerzen zuerst im Bereich des Rückens auf und breiten sich dann weiter auf Arme und Beine aus. Es schmerzt in der Umgebung von Gelenken wie Schulter, Knie, Hüfte oder Handgelenk.4
Weitere Beschwerden bei Fibromyalgie können sein:4
Gefühlsstörungen an Händen und Füße
Herzrasen und Luftnot
Magen-Darm-Beschwerden
erhöhte Schmerzempfindlichkeit, vor allem bei Druck auf die Haut
Viele Menschen mit Fibromyalgie haben eine lange Odyssee durch verschiedene Arztpraxen hinter sich, bis endlich die Diagnose Fibromyalgie gestellt wird. Es kommt häufig zu Fehldiagnosen und da eine Fibromyalgie nicht mit bildgebenden Verfahren oder Laborwerte festgestellt werden kann, sind Ärzte bei einer Diagnose sehr zögerlich2
Besonders bei Frauen werden hinter einer Fibromyalgie oft psychische Erkrankungen wie eine Depression vermutet. Und tatsächlich haben Menschen mit Fibromyalgie auch häufiger Depressionen oder Angststörungen.2 Doch diese sind eben nicht die Ursache von Schmerzen und Erschöpfung, sondern entweder durch diese verursacht oder sie treten noch zusätzlich auf.
Und immer noch berichten Betroffene, dass sie das Gefühl haben, von anderen – selbst von ihren Ärzten und Ärztinnen – nicht ernst genommen zu werden. Daher ist die richtige Diagnose oftmals eine Erleichterung.
Wenn Sie sich in den obigen Schilderungen wiedererkennen, vereinbaren Sie am besten einen Termin in einer rheumatologischen oder einer schmerzmedizinischen Praxis. Hier kann Ihnen geholfen werden.2
Wer nicht so gut belastbar ist und keine „sichtbare“ Erkrankung vorweisen kann, entwickelt schnell ein schlechtes Gewissen. Je länger die richtige Diagnose dauert, desto mehr kommt es zu Selbstzweifeln. Viele setzen sich unter Druck, da sie Ihre Arbeitspensum nicht schaffen oder nicht so für die Familie da sein können, wie es von ihnen erwartet wird.
Steht die Diagnose fest, ist es wichtig, mit der Erkrankung offen umzugehen und Familie, Freunden und Arbeitskolleginnen und -kollegen zu erklären, was hinter einer Fibromyalgie steckt und wie sich diese äußert. So können Sie Missverständnissen vorbeugen und Vorurteile aus der Welt schaffen.2
Bei einigen Menschen gehen die Schmerzen mit der Zeit etwas zurück.2 Doch bei den meisten bleiben sie leider auf einem gleichbleibenden Niveau. Dennoch gibt es Wege, damit umzugehen.
Ein wichtiger Therapie-Baustein ist Bewegung. Haben Sie keine Angst, dass sich die Schmerzen verstärken, das Gegenteil ist der Fall. Studien zeigen, dass leichter Sport wie Radfahren, Schwimmen oder Nordic-Walking das Wohlbefinden verbessern und die Schmerzen lindern kann. Auch Funktionstraining wird bei Fibromyalgie empfohlen2,5
Für viele Menschen mit Fibromyalgie sind auch Thermalbäder, Massagen oder regelmäßige Saunagänge eine Wohltat.2
Und natürlich müssen weitere bestehende Erkrankungen, wie Rheumatoide Arthritis oder eine Depression mit behandelt werden.2
Bei sehr starken Schmerzen empfiehlt der Arzt oder die Ärztin vermutlich einen multimodalen Therapie-Ansatz. Das bedeutet, dass neben der Bewegung auch Entspannungsmethoden und Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie zur Schmerzbewältigung kombiniert werden.2
Auch Medikamente können Teil einer multimodalen Schmerztherapie sein.2,5 So können bestimmte Antidepressiva oder Antiepileptika bei Fibromyalgie helfen, da sie die Schmerzwahrnehmung positiv beeinflussen. Sie werden jedoch nicht dauerhaft eingesetzt und auch ein einer geringeren Dosierung als z.B. bei Depression üblich4.5. Von herkömmlichen, frei verkäuflichen Schmerzmitteln wird bei Fibromyalgie abgeraten.2,5 Sie sind nur selten eine Hilfe. Auch Cannabis-Produkte oder starke Opioide werden momentan nicht empfohlen.4,5
Jeder Mensch ist anders. Daher sollten Sie versuchen herauszufinden, was Ihnen persönlich guttut und wie Sie am besten mit den Schmerzen und der Erschöpfung umgehen können. Hier einige Tipps zum ausprobieren:2
planen Sie für anstrengende Tätigkeiten mehr Zeit ein
bewegen Sie sich 2- bis 3-mal pro Woche für mind. 30 Minuten
machen Sie regelmäßig Pausen
probieren Sie aus, ob Ihnen Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung helfen
lernen Sie Ihre Grenzen kennen und respektieren
seien Sie nicht zu perfektionistisch
überlegen Sie, was Ihnen im Alltag wirklich wichtig ist
Auch der Austausch untereinander in einer Selbsthilfegruppe kann hilfreich sein. Hier lernen Sie Menschen kennen, die wissen, was Sie durchmachen und wie sich fühlen Und Sie können Tipps für ein besseres Leben mit Fibromyalgie austauschen.2
Wenn Sie mit der Zeit eine Strategie entwickeln, die Ihnen bei der Bewältigung des Alltags hilft, erhöht das die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden gleichermaßen. Wichtig ist, sich nicht von der Fibromyalgie unterkriegen zulassen. Nehmen Sie weiter am Leben teil, treffen Sie Freunde, gehen Sie aus. Zeigen Sie Ihrer Fibromyalgie, dass Sie immer noch die Oberhand haben.
Um die hohe Qualität unserer Inhalte sicher zu stellen, wurde dieser Text von unserem Team aus Apothekerinnen und Apothekern geprüft. Die bereitgestellten Inhalte dienen lediglich der Information und ersetzen keine medizinische Beratung oder Behandlung durch einen Arzt oder eine Ärztin. Die Texte sind nicht zur eigenständigen Diagnose und Beginn, Änderung oder Beendigung einer Behandlung von Krankheiten gedacht.
Referenzen
Deutsche Fibromyalgie Vereinigung e.V. „Weichteil-Rheumatismus“ ist kein Synonym für das Fibromyalgie-Syndrom. https://www.fibromyalgie-fms.de/fileadmin/user_upload/Fibromyalgie/Diagnose/PDF/Info_504_Weichteilrheumatismus.pdf Stand: 2017. Abgerufen: 23.03.2023
Gesundheitsinformation.de. Fibromyalgie. https://www.gesundheitsinformation.de/fibromyalgie.html#topic-sources Stand: 22.04.2022. Abgerufen: 23.03.2023
Klinik am Steigerwald. Was ist eigentlich ein Fibro Fog? https://www.fibromyalgie-tcm.de/symptome-und-verlauf/was-ist-eigentlich-ein-fibro-fog.html Stand: 2023. Abgerufen: 24.04.2023
Deutsche Rheuma-Liga. Fibromyalgie-Syndrom. https://www.rheuma-liga.de/rheuma/krankheitsbilder/fibromyalgie Stand: April 2022. Abgerufen: 28.03.2023
Leitlinie „Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms“, Kurzfassung. https://register.awmf.org/assets/guidelines/145-004k_S3_Fibromyalgiesyndrom_2019-07-abgelaufen.pdf Stand: 17.03.2017 (In Überarbeitung). Abgerufen: 28.03.2023
Bildhinweise
Titelbild: AdobeStock