Stimulation des Vagusnervs


Die elektrische Stimulation des Vagusnervs könnte bei rheumatoider Arthritis helfen. Steht eine neue Therapie in den Startlöchern?
Das Nervengeflecht in unserem Körper ist ein fein ausgeklügeltes System. Äußere Reize wahrzunehmen und diese Informationen an das Gehirn weiterzuleiten, ist nur eine seiner vielen Aufgaben. Unsere Nervenzellen sind an allen hochkomplexen Vorgängen in unserem Organismus beteiligt. Sie steuern körperliche Prozesse und überwachen die Organfunktion.1
Aufgrund seiner Funktionen kann man das Nervensystem in ein „willkürliches“ und ein „unwillkürliches“ Nervensystem unterteilen.
Das willkürliche oder somatische Nervensystem ist für alle Vorgänge verantwortlich, die wir bewusst steuern können, z.B. Greifen, Laufen, Sprechen.1
Das unwillkürliche oder vegetative Nervensystem ist für alle Prozesse verantwortlich, die wir nicht willentlich steuern können. Dazu gehören z.B. die Organfunktionen, der Stoffwechsel, der Herzschlag oder die Verdauung.1
Dieses vegetative Nervensystem wiederum lässt sich in „Sympathikus“ und „Parasympathikus“ einteilen.1
Der Sympathikus wirkt stimulierend und kommt z.B. in Stresssituationen zum Einsatz. Der Herzschlag erhöht sich, die Durchblutung verbessert sich.1
Der Parasympathikus wiederum wirkt beruhigend. Wir entspannen, der Herzschlag verlangsamt sich, die Atmung wird tiefer. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass der Parasympathikus auch beruhigend auf das Immungeschehen einwirkt und so Entzündungsreaktionen hemmen kann.2
Normalerweise befinden sich diese beiden Systeme im Einklang. Doch bei einigen Erkrankungen scheint es zu Störungen zu kommen.
Bei Rheuma ist der Sympathikus überaktiv. So kann es unter anderem auch zu anhaltenden Entzündungsreaktionen kommen.3
Um den überaktiven Sympathikus herunterzuregulieren und Entzündungsreaktion wieder einzudämmen haben Forscherinnen und Forscher nun in Studien den Parasympathikus beeinflusst: Dafür wird ein bestimmter Nerv des parasympathischen Systems, der Vagusnerv, elektrisch stimuliert. Diese Stimulierung kommt unter andrem schon seit längerem mit Erfolg bei schweren Depressionen oder Epilepsie zum Einsatz.2
Nun konnten Forschende zeigen, dass eine Vagusnerv-Stimulation (VNS) auch bei rheumatischen Erkrankungen zu helfen scheint: Es wurden weniger entzündungshemmende Faktoren produziert und bei Menschen mit starker rheumatoider Arthritis besserten sich die Symptome. Zudem konnte die Einnahme von Medikamenten reduziert werden.2,4
Die Effekte waren ähnlich gut wie bei einer Behandlung mit Biologika (TNF-alpha-Blocker).3
Eine Stimulation des Vagusnervs könnte für Menschen mit starker rheumatoider Arthritis in Frage kommen, bei denen eine Therapie mit Biologika nicht gut anschlägt.3
Doch auch andere Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises könnten behandelt werden: Bei Menschen mit Sjögren-Syndrom gab es einen positiven Effekt auf Fatigue (chronische Müdigkeit). Und bei Menschen mit Fibromyalgie besserte sich der Schmerz nicht nur während der Therapie, der Effekt hielt auch noch Monate danach an.4
Die Stimulation des Vagusnervs kann über zwei Weg geschehen:
1. Implantat: Ein kleines Gerät wird im Brustbereich unter die Haut eingesetzt. Über eine Elektrode ist es mit dem Vagusnerv verbunden und schickt regelmäßig elektrische Impulse.
2. Von außen: Hier werden Elektroden am Ohr befestigt. Sie senden die elektrischen Impulse über einen der Ohrnerven weiter.
Erste Studienergebnisse sind vielversprechend. Doch um die Vagusnerv-Stimulation breit anwenden zu können sind noch weitere Studien nötig. So müsse noch herausgefunden werden, welche Stimulationsdauer am effektivsten ist, ob es unerwünschte Wirkungen gibt und wie sicher eine Langzeitanwendung ist.3,4
Eine baldige Therapie ist also erst einmal nicht in Sicht. Dennoch werden schon Geräte angeboten, mit denen man zuhause selbst den Vagusnerv stimulieren kann.
Von dieser Art von Selbstbehandlung raten Medizinerinnen und Medizinier jedoch ab. Diese Geräte sind nicht getestet und es fehlen wissenschaftliche Grundlagen, um das Verfahren selbstständig anzuwenden. Die Gefahr von unerwünschten Wirkungen ist zu groß.
Der Vagusnerv lässt sich auch ohne elektrische Impulse stimulieren. Vor allem die tiefe Bauchatmung mit verlängerter Ausatmung ist geeignet, um den Vagusnerv zu aktivieren. Wenden Sie dafür die 4711-Regel an: 4 Sekunden tief einatmen, 7 Sekunden ausatmen, 11 Minuten lang durchführen.5
Weiterhin können Sie Folgendes ausprobieren:
Meditation: am besten unter Anleitung
Gurgeln: z.B. mit Wasser oder lauwarmen Kamillentee
Singen
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Referenzen
AOK Gesundheitsmagazin: Was machen Sympathikus und Parasympathikus? https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/gehirn-nerven/so-steuern-sympathikus-und-parasympathikus-unseren-koerper/ Stand: 26.07.2023. Abgerufen: 08.01.2024
Thieme: Rheumatologie: Vagus-Stimulation hemmt Entzündungen bei Rheuma https://natuerlich.thieme.de/aktuelles/nachrichten/detail/vagus-stimulation-hemmt-entzuendung-bei-rheuma-1343 Stand: 2023. Abgerufen: 08.01.2024
Medscape: Neue Therapieoption bei Rheuma: Elektrische Stimulation des Vagusnervs könnte bei entzündeten Gelenken helfen. https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4912862#vp_1 Stand: 04.092023. Abgerufen: 08.01.2024
Medical Tribune: Was bringt die Vagusnerv-Stimulation bei Rheuma? https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/unterdrueckter-vagusnerv Stand: 08.09.2023. Abgerufen: 08.01.2024
Onmeda: Vagusnerv: Was bewirkt er im Körper? https://www.onmeda.de/gesundheit/anatomie/vagusnerv-id203312/ Stand: 01.09.2022. Abgerufen: 08.01.2024
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Titelbild: AdobeStock