Hereditäres Angioödem - Symptome, Diagnostik und Therapie

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Das hereditäre Angioödem ist eine seltene, genetisch bedingte Erkrankung. Sie äußert sich hauptsächlich in spontan auftretenden Schwellungen, die mehrere Tage anhalten können, kann aber auch zu starken Bauchschmerzen führen. Schwellungen der Atemwege gelten dabei als lebensbedrohlicher Notfall. Die Erkrankung ist nicht heilbar, die Schwellungsattacken lassen sich jedoch gut medikamentös behandeln. Außerdem besteht die Möglichkeit einer vorbeugenden Therapie. Seit 2025 stehen zusätzlich neue orale und subkutane Therapien zur Verfügung, die die Behandlung weiter erleichtern.
Was ist das hereditäre Angioödem?
Das hereditäre Angioödem (Englisch: hereditary angioedema, HAE) ist eine seltene Erkrankung, die sich durch attackenartig auftretende Schwellungen (Ödeme) auszeichnet. Ursache ist eine genetische Mutation, die zu einem Mangel oder einer Fehlfunktion eines bestimmten Eiweißes, des Proteins C1-Inhibitor (C1-INH) führt. Der C1-Inhibitor ist ein wichtiges Eiweiß, das bestimmte Abläufe im Immunsystem kontrolliert. Fehlt er oder funktioniert er nicht richtig, entsteht zu viel des Botenstoffs Bradykinin. Dieser macht die Blutgefäße durchlässiger, sodass Flüssigkeit ins Gewebe austritt – es kommt zu den typischen Schwellungen.
Es ist nicht genau bekannt, wie häufig das hereditäre Angioödem ist. Experten gehen jedoch davon aus, dass weltweit 1 von 50.000 Menschen mit der Krankheit lebt. Die Verteilung zwischen den Geschlechtern ist ausgeglichen, die Symptome sind aber oft bei Frauen stärker ausgeprägt. Das hereditäre Angioödem kann als spontane Genmutation auftreten, in den meisten Fällen wurde es jedoch von einem der Elternteile vererbt. Da der Gendefekt autosomal-dominant weitergegeben wird, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder am hereditären Angioödem erkranken, bei 50 Prozent, sobald ein Elternteil das veränderte Gen in sich trägt und dieses somit weitervererben kann. Die Symptome des hereditären Angioödems zeigen sich in der Regel bereits während der Kindheit oder Jugend.
Es gibt jedoch auch die sogenannte Neumutation des Gens, d.h. das Gen verändert sich spontan, ohne dass irgendjemand aus der Familie zuvor an einem hereditären Angioödem erkrankt war. Dies ist bei ca. 20 % der Betroffenen der Fall.
Was sind Symptome des hereditären Angioödems?
Hauptsymptom von HAE sind die meist ein bis mehrere Tage andauernde Schwellungen, die in unregelmäßigen Abständen auftreten. Besonders häufig treten diese Gewebeschwellungen an den folgenden Körperbereichen auf:
- Haut im Gesicht, an den Extremitäten sowie im Genitalbereich
- Magen-Darm-Trakt
- seltener Zunge, Kehlkopf (Larynx) und Rachen (Pharynx) sowie andere innere Organe
Diese Schwellungen sind üblicherweise weiß bis leicht gerötet und jucken fast nie, sondern verursachen eher ein Spannungsgefühl. Im fortgeschrittenen Stadium gehen sie teils auch mit Schmerzen oder einem brennenden Gefühl einher. Schwellungen im Mund- und Rachenbereich (Pharynx- oder Larynxödem) können die Atemwege verschließen und somit lebensgefährlich werden. Tritt eine solche Atemwegsschwellung auf, ist dies ein Notfall, der unverzüglich im nächsten Krankenhaus behandelt werden muss! Auch Schwellungen im Gesicht sollten sofort behandelt werden. Gesichtsschwellungen können Vorboten einer Rachenschwellung sein und sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
Weitere häufige Symptome sind starke, krampfartige Bauchschmerzen, begleitet von Übelkeit oder Erbrechen. Aufgrund der Flüssigkeitsansammlungen kann es zusätzlich zu einer Schwellung des Bauchs (Aszites, auch Bauchwassersucht genannt) und zu wässrigem Durchfall kommen. Diese Symptomatik ist ebenfalls gefährlich, da sie mit einem starken Flüssigkeitsverlust einhergeht. Teilweise treten die Schmerzen auch ohne andere Symptome auf. In solchen Fällen kann das hereditäre Angioödem als eine Blinddarmentzündung (Appendizitis) fehldiagnostiziert werden.
Bevor es zu Schwellungen kommt, zeigen viele Menschen bestimmte Frühsymptome, darunter:
- Müdigkeit,
- Abgeschlagenheit,
- verstärktes Durstgefühl,
- Reizbarkeit und Aggressivität,
- depressive Verstimmung und
- einen scharf begrenzten, nicht-juckenden, rosaroten Hautausschlag meist an Rumpf, Oberarmen oder Oberschenkeln (Erythema marginatum).
Die Häufigkeit der Attacken ist von Person zu Person unterschiedlich, ändert sich aber auch im Verlauf des Lebens. In den meisten Fällen ist kein klarer Auslöser für ein Ödem erkennbar und dieses entsteht spontan. Es gibt jedoch bestimmte Trigger-Faktoren, die eine Attacke auslösen können. Dazu zählen unter anderem:
- einige Medikamente, wie bestimmte Verhütungsmittel und Blutdrucksenker,
- psychischer Stress,
- Verletzungen wie Stöße, Zahnoperationen oder Intubation,
- Infektionen sowie
- hormonelle Veränderungen (z. B. Menstruation oder Eisprung).
Wie wird ein hereditäres Angioödem festgestellt?
Besteht aufgrund der typischen Schwellungsattacken ein Verdacht auf das hereditäre Angioödem, erfolgt eine Blutuntersuchung. Dabei werden bestimmte Laborwerte bestimmt, anhand derer sich die Aktivität des C1-Inhibitor-Proteins beurteilen lässt: C1-INH-Aktivität sowie die Konzentration der Proteine C1-INH und C4. Bei Menschen mit HAE sind der Komplementfaktor C4 sowie die Aktivität des C1-Inhibitors deutlich erniedrigt. Da alle drei Blutwerte bei Neugeborenen noch stark schwanken, kann die Untersuchung erst ab dem ersten Lebensjahr für die Diagnose des hereditären Angioödems herangezogen werden.
Im Normalfall wird nur dann ein Gentest in Betracht gezogen, wenn die Blutuntersuchung keine eindeutigen Ergebnisse liefert und die Werte zum Beispiel knapp im Normalbereich liegen. Ein entsprechender Gentest kann die Mutation im C1-INH-Gen mit 90- bis 95-prozentiger Sicherheit erkennen. Eine genetische Untersuchung des Ungeborenen (Pränataldiagnostik) ist in Ausnahmefällen möglich, wenn eine Mutation des Gens in der Blutsverwandtschaft bekannt ist.
Welche Therapie gibt es beim hereditären Angioödem?
Wie die meisten Erbkrankheiten ist das hereditäre Angioödem nicht heilbar, aber therapierbar. Die medikamentöse Behandlung muss daher lebenslang erfolgen. Dabei werden entweder im Rahmen einer Bedarfstherapie (Akuttherapie, On-demand-Therapie) bei ersten Anzeichen einer Attacke Medikamente verabreicht oder es wird eine vorbeugende Dauertherapie (Langzeitprophylaxe) durchgeführt, die entsprechende Anfälle verhindern soll.
Für die akute Behandlung von Schwellungen bei Erwachsenen mit HAE sind in Deutschland mehrere Medikamente zugelassen, deren Wirkstoffe sich in folgende Gruppen einteilen lassen:
- C1-Inhibitor-Konzentrate (aus menschlichem Blutplasma oder rekombinant hergestellt): Sie ersetzen den fehlenden C1-Inhibitor und können die Schwellung dadurch wirksam stoppen.
- Icatibant: Ein synthetischer Wirkstoff, der die Wirkung von Bradykinin blockiert – dem Botenstoff, der die Gefäße erweitert und Schwellungen auslöst.
- Sebetralstat: Die erste orale Akuttherapie, die bei beginnenden Symptomen eingenommen wird und das Enzym Plasmakallikrein hemmt, wodurch weniger Bradykinin entsteht.
- Gefrorenes Frischplasma (FFP): Es wird nur eingesetzt, wenn andere spezifische Medikamente nicht verfügbar sind.
Einige Präparate können nach Schulung selbst angewendet werden, je nach Wirkstoff als Injektion unter die Haut oder in die Vene. Für alle Arzneimittel in der Akutbehandlung gilt, dass es möglichst bei den ersten Anzeichen einer Attacke verabreicht werden sollte. Denn je schneller entgegengearbeitet wird, desto geringer fällt die Schwellung aus und desto kürzer dauert sie.
Es besteht zusätzlich zur Akuttherapie die Möglichkeit einer vorbeugenden Langzeittherapie (Langzeitprophylaxe). Die europäische Leitlinie zum hereditären Angioödem aus dem Jahr 2021 empfiehlt bereits, dass bei jedem Arztbesuch im Rahmen der HAE-Therapie auch eine Langzeitprophylaxe in Betracht gezogen werden soll. Diese Empfehlung basiert darauf, dass gerade in den letzten Jahren neue Medikamente für die Langzeittherapie zugelassen wurden. In der deutschen Leitlinie aus dem Jahr 2019 wurden diese noch nicht berücksichtigt. Dort wird bisher nur dann eine Langzeitprophylaxe empfohlen, wenn trotz angemessener Akutbehandlung langfristig immer noch zu viele Attacken auftreten.
Für die Langzeitbehandlung zugelassen sind zwei C1-INH-Konzentrate sowie Lanadelumab und Berotralstat. Bei den letzten beiden handelt es sich um Stoffe, die die Produktion von Bradykinin hemmen. Lanadelumab wird alle zwei Wochen unter die Haut gespritzt, während Berotralstat einmal täglich als Tablette eingenommen wird. Zudem steht seit diesem Jahr mit Garadacimab ein neuer Antikörper zur monatlichen s.c.-Langzeitprophylaxe zur Verfügung.
Der Wirkstoff Tranexamsäure ist ebenfalls für die Langzeittherapie zugelassen, wird jedoch aufgrund der schwankenden Wirksamkeit nicht als Mittel der ersten Wahl eingesetzt. Früher wurden zur Langzeitprophylaxe auch attenuierte Androgene (abgeschwächte Formen männlicher Geschlechtshormone) eingesetzt. Da diese Medikamente jedoch mit deutlichen Nebenwirkungen verbunden sein können, werden sie heute im Vergleich zu den modernen, gezielten Therapien meist nur noch in Ausnahmefällen und unter strenger ärztlicher Kontrolle verwendet. Bei der Wahl der Prophylaxe stehen inzwischen Präparate im Vordergrund, die gezielt in den Krankheitsmechanismus eingreifen und ein günstigeres Nebenwirkungsprofil aufweisen.
Es gibt auch die Möglichkeit einer kurzfristigen Prophylaxe. Sie kommt meist vor speziellen Situationen zum Einsatz, die häufiger Schwellungen auslösen. Dazu zählen zahnärztliche Eingriffe und andere Operationen im Mund- und Rachenbereich. Trotz vorbeugender Behandlung sollte in den ersten 24 Stunden nach solchen Eingriffen mit einer Attacke gerechnet und die entsprechende Akut-Medikation bereitgehalten werden.
Was können Sie selbst beim hereditären Angioödem tun?
Informieren Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin über alle Medikamente, die Sie einnehmen. Denn es gibt Wirkstoffe, welche die Häufigkeit und Schwere der Krankheitsattacken verstärken können, und diese sollten nach Möglichkeit abgesetzt werden. Dazu zählen Tabletten mit Östrogenen zur Verhütung (orale Antikontrazeptiva) oder für die hormonelle Ersatztherapie sowie ACE-Hemmer. Auch Sartane (AT1-Rezeptorblocker), die zur Blutdrucksenkung eingesetzt werden, können die Neigung zu Attacken erhöhen und sollten nur nach ärztlicher Rücksprache verwendet werden.
Versuchen Sie herauszufinden, ob bestimmte Faktoren die Schwellungsattacken begünstigen und vermeiden Sie diese nach Möglichkeit. Legen Sie sich einen Notfallausweis zu, damit medizinisches Personal im Fall der Fälle über die Erkrankung Bescheid weiß. Informieren Sie außerdem die Menschen in Ihrem Umfeld über die Erkrankung, wie sie einen Notfall erkennen und was in einer solchen Situation zu tun ist.
Auch wenn eine vorbeugende Langzeitbehandlung durchgeführt wird, kann es weiterhin zu Attacken kommen. Daher sollten alle Menschen mit hereditärem Angioödem genügend Medikamente zur Behandlung von mindestens zwei Anfällen zu Hause vorrätig haben und diese auch auf Reisen mit sich führen.
Eine Schwellung der oberen Atemwege äußert sich häufig durch folgende Symptome:
- Druckgefühl im Hals oder das Gefühl, einen „Kloß im Hals“ zu haben
- Schluckbeschwerden
- Belegte Stimme
- Atemnot
Schwellungen der Atemwege sind immer ein Notfall – unabhängig vom Zeitpunkt. Bei erster Symptomatik sollte demnach sofort der Rettungsdienst verständigt werden.
Veröffentlicht am: 05.01.2026
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ICD Code
ICD Codes sind Internationale statistische Klassifikationen der Krankheiten zu finden z.B. auf Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen (AU) oder Ärztebriefen.
- D84
- Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte - https://klassifikationen.bfarm.de/icd-10-gm/kode-suche/htmlgm2025/index.htm
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Quellen
[1] Herold, G. Innere Medizin, Selbstverlag, Köln (2022)
[2] Murphy K et Weaver C. Janeway Immunologie. Springer Spektrum, 9. Auflage (2018)
[3] S1-Leitlinie der Deutsche Gesellschaft für Angioödeme (DGA) e.V. et al. Hereditäres Angioödem durch C1-Inhibitor-Mangel. Allergo J Int 2019; 28: 16–29. AWMF-Registernr.: 061-029 (Stand: 2019). https://register.awmf.org/assets/guidelines/061-029l_S1_Hereditaeres-Angiooedem-durch-C1-Inhibitor-Mangel_2019-01_01.pdf
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[8] pharmazeutische-zeitung.de Hereditäres Angioödem Erste orale Akuttherapie https://www.pharmazeutische-zeitung.de/erste-orale-akuttherapie-160027/
[9] pharmazeutische-zeitung.de Garadacimab Neues Prophylaktikum bei hereditärem Angioödem https://www.pharmazeutische-zeitung.de/neues-prophylaktikum-bei-hereditaerem-angiooedem-153906/
[10] Androgen transition and management of hereditary angioedema long‑term prophylaxis in real life: a single‑center case series https://link.springer.com/content/pdf/10.1186/s13023-024-03251-5.pdf
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