Stigma Adipositas


Vielleicht kennen Sie das: Sie möchten einen Termin bei einem Arzt oder einer Ärztin vereinbaren – und zögern. Sie erinnern sich an abwertende Bemerkungen, Situationen, in denen Sie sich vielleicht geschämt haben, oder haben die Sorge, wieder nicht ernst genommen zu werden. Wichtig zu wissen: Sie sind damit nicht allein. Gewichtsdiskriminierung ist häufig: Mehr als 40% der Menschen mit schwerer Adipositas berichtet von diskriminierenden Erfahrungen.1
Insofern ist die Sorge vor erneuten schwierigen Situationen nachvollziehbar. Trotzdem gilt: Sie dürfen Unterstützung für Ihre gesundheitlichen Anliegen suchen und ein respektvolles Gespräch erwarten.2,3,4
Vielleicht wurde ein konkretes Anliegen vorschnell auf Ihr Gewicht zurückgeführt. Vielleicht fiel beim Wiegen ein verletzender Satz, oder eine Untersuchung war unangenehm, weil passende Möbel oder Geräte fehlten. Wer so etwas erlebt, kann vor dem nächsten Termin besorgt sein, sich schämen oder lieber gar nicht hingehen. Das ist keine Überempfindlichkeit. Es kann eine Reaktion auf Situationen sein, in denen Respekt oder gründliche medizinische Abklärung gefehlt haben.2,4
Rückzug kann kurzfristig schützen: Wer einen Termin absagt oder gar nicht erst vereinbart, vermeidet zunächst eine möglicherweise verletzende Begegnung. Misstrauen kann ebenfalls verständlich sein, wenn frühere Beschwerden nicht ernst genommen wurden. Auf längere Sicht kann diese Schutzreaktion jedoch dazu führen, dass Vorsorgen, Diagnostik oder Behandlung später stattfinden. Gewichtsbezogenes Stigma wird deshalb nicht nur als soziale Belastung, sondern auch als Hindernis für eine gute Gesundheitsversorgung beschrieben.1,2,5
Die Leitlinie zur Prävention und Therapie von Adipositas definiert gewichtsbezogene Stigmatisierung als „die soziale Abwertung und Herabwürdigung von Menschen auf Basis ihres Übergewichts“.3
Damit ist nicht nur der gesellschaftliche Umgang mit Menschen mit Adipositas oder die Stigmatisierung von Betroffenen im Gesundheitssystem gemeint, sondern auch die „Selbststigmatisierung“, also die Anwendung stigmatisierender Abwertungen auf sich selbst. Das ist besonders schwerwiegend, denn wer negative Vorurteile über sich selbst und den eigenen Körper verinnerlicht hat, dem wird es umso schwerer fallen, sich Hilfe zu suchen und gesundheitliche Probleme offen anzusprechen.3
Der Stigmatisierung liegt ein falsches Verständnis von Adipositas zugrunde. Es schreibt den betroffenen Menschen die ganze Verantwortung für ihre Erkrankung zu und verkennt damit, dass es sich wirklich um eine chronische Erkrankung mit vielen verschiedenen Ursachen handelt.3
Adipositas ist eine chronische Erkrankung. Ihre Entstehung und ihr Verlauf werden von vielen Faktoren beeinflusst – darunter körperliche Voraussetzungen, psychische Belastungen, Medikamente, Schlaf, Lebensumstände und die Umwelt. Sie lässt sich nicht auf Willenskraft oder einzelne Entscheidungen reduzieren. Die aktuelle S3-Leitlinie empfiehlt eine langfristige Behandlung, die persönliche Ressourcen, Bedürfnisse und Ziele berücksichtigt. Hilfe anzunehmen ist daher kein Eingeständnis von Versagen, sondern ein angemessener Schritt in der medizinischen Versorgung.3,4 Wichtig zu wissen: Adipositas ist behandelbar.
Ein gutes Gespräch beginnt damit, dass Ihr aktuelles Anliegen gehört wird – sei es bezogen auf die Adipositas selbst oder genauso auch andere gesundheitliche Themen. Das Behandlungsteam fragt nach, untersucht Beschwerden gründlich und spricht das Gewicht nicht automatisch bei jedem Thema an. Wenn ein Gespräch darüber medizinisch sinnvoll sein könnte, sollte zunächst Ihre Zustimmung eingeholt werden. Auch neutrale Begriffe, gemeinsame Entscheidungen und ein Behandlungsziel, das zu Ihrem Alltag passt, gehören zu einer respektvollen Versorgung.2,4
Sie dürfen Grenzen setzen oder um eine Erklärung bitten. Mögliche Sätze sind: „Bitte untersuchen Sie zunächst auch andere mögliche Ursachen.“ Oder: „Ich möchte heute über meine Schmerzen sprechen. Über mein Gewicht können wir anschließend reden, wenn es dafür einen medizinischen Grund gibt.“ Oder: „Ich möchte meine Adipositas angehen. Was können nächste Schritte für mich sein?“ Solche Sätze garantieren nicht, dass jedes Gespräch leicht wird. Sie können aber helfen, Ihr Anliegen klar zu benennen.2,4
Sie müssen nicht alles auf einmal schaffen. Wählen Sie den Schritt, der sich gerade machbar anfühlt:2,4,5
Notieren Sie Ihr Hauptanliegen und zwei Fragen vor dem Termin.
Bitten Sie eine vertraute Person, Sie zu begleiten.
Fragen Sie vorab, ob passende Sitzgelegenheiten, Blutdruckmanschetten oder Untersuchungsliegen vorhanden sind.
Holen Sie eine zweite Meinung ein, wenn Sie sich nicht ernst genommen fühlen.
Beginnen Sie mit einem Video-Termin, wenn der direkte Besuch zunächst zu viel ist.
Vielleicht ist Ihr nächster Schritt nur, eine Telefonnummer herauszusuchen oder einen Satz aufzuschreiben. Auch das zählt. Schlechte Erfahrungen sollten nicht zur Folge haben, dass Sie keine angemessene medizinische Unterstützung erhalten. Sie verdienen eine Versorgung, in der Ihr Anliegen zählt, Entscheidungen gemeinsam getroffen werden und Ihr Körper mit Respekt behandelt wird.2,5
Artikel veröffentlicht im Juli 2026.
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Referenzen
1. Spahlholz J, Baer N, König HH, Riedel-Heller SG, Luck-Sikorski C. Obesity and discrimination - a systematic review and meta-analysis of observational studies. Obes Rev. 2016 Jan;17(1):43-55. doi: 10.1111/obr.12343. Epub 2015 Nov 24. Abgerufen: 12. Juli 2026.
2. AOK. Gewichtsdiskriminierung in der medizinischen Praxis – das können Betroffene tun. Veröffentlicht: 17. Juli 2025. Abgerufen: 12. Juli 2026. https://www.aok.de/pk/magazin/koerper-psyche/psychologie/gewichtsdiskriminierung-in-der-medizin-hilfe-fuer-betroffene/
3. Deutsche Adipositas-Gesellschaft e. V. Veröffentlichung aktualisierte S3-Leitlinie zur „Prävention und Therapie der Adipositas“. Veröffentlicht: 11. Oktober 2024. Abgerufen: 12. Juli 2026. https://adipositas-gesellschaft.de/veroeffentlichung-aktualisierte-s3-leitlinie-zur-praevention-und-therapie-der-adipositas/
4. Puhl RM. Weight Stigma and Barriers to Effective Obesity Care. Gastroenterology Clinics of North America. 2023;52(2):417–428. Abgerufen: 12. Juli 2026. https://uconnruddcenter.org/wp-content/uploads/sites/2909/2023/05/2023-Puhl-Gastroeneterol-Clin-N-Am.pdf
5. Kushner RF et al. Weight stigma and bias: standards of care in overweight and obesity—2025. BMJ Open Diabetes Research & Care. 2025;13(Suppl 1):e004962. Abgerufen: 12. Juli 2026. https://drc.bmj.com/content/13/Suppl_1/e004962
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