Die erstmals im Jahr 1932 von dem US-amerikanischen Gastroenterologen Burrill Bernard Crohn beschriebene Darmkrankheit Morbus Crohn stellt Ärzte und Wissenschaftler bis heute vor viele Rätsel. Noch immer weiß man nicht ganz genau, durch was die chronischen Entzündungen in der Darmwand eigentlich ausgelöst werden. Die meisten Experten gehen inzwischen von einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren aus. Zu diesen gehören:
eine genetische Veranlagung
ein fehlerhaft arbeitendes Immunsystem
eine ungünstige Zusammensetzung der im Darm lebenden Bakterien
Umweltfaktoren und andere äußere Einflüsse
Schon länger ist bekannt, dass Morbus Crohn in Familien leicht gehäuft vorkommt. Leidet zum Beispiel ein Elternteil an der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED), ist das eigene Krankheitsrisiko um etwa 2 bis 5 Prozent erhöht. Das bedeutet allerdings auch, dass die meisten Menschen mit Morbus Crohn gesunde Kinder zur Welt bringen – die auch in ihrem weiteren Leben nicht an dem Darmleiden erkranken werden.
Bisher haben Wissenschaftler etwa 70 Gene identifiziert, die mit der Entstehung von Morbus Crohn in Zusammenhang stehen. Besonders häufig sind Veränderungen (Mutationen) im sogenannten NOD2-Gen, das auf dem Chromosom 16 liegt und früher oft als CARD15 bezeichnet wurde. Etwa die Hälfte aller Patienten mit Morbus Crohn weist ein verändertes NOD2-Gen auf. Weitere Erbanlagen, die das Risiko für die Darmerkrankung beeinflussen, sind beispielsweise das DLG5- und das OCTN1-Gen.
Wie groß das Erkrankungsrisiko ist, hängt davon ab, ob das jeweilige Gen nur an einer oder gleich an mehreren Stellen verändert ist und ob nur ein oder beide Varianten dieses Gens, die jeder Mensch in seinem Erbgut trägt, betroffen sind. Weist eine Person zum Beispiel eine Mutation in einem der beiden NOD2-Gene auf, ist ihr Risiko für Morbus Crohn etwa 2,5-mal so hoch wie bei einem Menschen ohne diese Genveränderung. Bei zwei Mutationen innerhalb desselben NOD2-Gens steigt das Risiko auf ungefähr das 40-Fache. Sind beide NOD2-Gene verändert, beträgt das Erkrankungsrisiko 100 Prozent.
Auch das angeborene und somit genetisch bedingte Immunsystem funktioniert bei vielen Patienten mit Morbus Crohn nicht so wie bei gesunden Menschen. Aufgrund von Mutationen bilden an der CED erkrankte Personen in ihrer Darmschleimhaut oft deutlich weniger Defensine. Dabei handelt es sich um kleine Eiweißstoffe, die aus nur 30 bis 42 Aminosäuren bestehen.
Für eine gesunde Darmbarriere sind die Defensine unerlässlich. Denn im Körper wirken sie wie Antibiotika: Sie zerstören Mikroorganismen, die in die Darmwand eindringen und die Schleimhaut auf diese Weise schädigen können. Fehlen die Defensine, legen sich die Keime offenbar wie ein Biofilm über die Darmschleimhaut. Das wiederum löst, so vermutet man, die für Morbus Crohn typischen Entzündungsreaktionen aus.
Diese noch recht junge Hypothese würde erklären, warum viele Patienten mit Morbus Crohn auf eine Behandlung mit Antibiotika gut ansprechen. Zugleich entkräftet sie die frühere Annahme, dass die Erkrankung maßgeblich infolge von Infektionen entsteht. Da das NOD2-Gen an der Freisetzung von Defensinen in der Darmschleimhaut beteiligt ist, könnte eine Mutation in diesem Gen die Menge der körpereigenen Antibiotika im Darm verringern und so die Entstehung von Morbus Crohn begünstigen.
Inzwischen mehren sich zudem die Hinweise, dass eine ungünstige Zusammensetzung der im Darm lebenden Bakterien, des sogenannten Mikrobioms, Morbus Crohn auslösen kann. So konnten Wissenschaftler vor einigen Jahren beispielsweise zeigen, dass keimfrei aufgewachsene Mäuse, denen man das Mikrobiom von Artgenossen mit Morbus Crohn implantierte, in ihrem Dünndarm anschließend ebenfalls Symptome der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung entwickelten.
Andere Forscher fütterten keimfreie Mäuse mit dem Speichel, den sie zwei an Morbus Crohn erkrankten Menschen entnommen hatten. Der Speichel des einen Patienten löste bei den Tieren Entzündungen in der Darmwand aus, der andere hingegen nicht. Weitere Untersuchungen ergaben, dass offenbar Bakterien der Art Klebsiella pneumoniae die Symptome der Tiere hervorgerufen hatten. Noch ist allerdings unklar, inwieweit sich solche und ähnliche Tierexperimente auf den Menschen übertragen lassen.
Als gesichert gilt hingegen, dass äußere Einflüsse das Risiko von Morbus Crohn erhöhen und auch den Verlauf der CED verändern können. Belegt ist dieser Zusammenhang insbesondere fürs Rauchen: Statistiken zeigen, dass Raucher etwa doppelt so oft wie Nichtraucher an Morbus Crohn erkrankt sind. Patienten, die mit dem Rauchen aufhören, berichten anschließend oft über einen milderen Krankheitsverlauf.
Dass sich der Verlauf von Morbus Crohn durch einen Rauchstopp positiv beeinflussen lässt, wurde zudem in wissenschaftlichen Studien belegt. So kam es in einer Untersuchung bei 60 Prozent der rauchenden Patienten mit Morbus Crohn, die man operativ behandelt hatte, innerhalb von drei Jahren zu einem Rückfall. In der Gruppe der nichtrauchenden Patienten waren es nur 40 Prozent. Derzeit gehen Experten unter anderem von den folgenden Konsequenzen des Rauchens auf den Verlauf von Morbus Crohn aus:
eine Erhöhung der Schubrate
mehr Rückfälle nach einer Operation
ein erhöhter Verbrauch an Medikamenten
ein größeres Risiko für Folgekrankheiten inklusive Darmkrebs
eine höhere Sterberate
eine schlechtere Lebensqualität
Umweltfaktoren spielen bei der Entstehung von Morbus Crohn ebenfalls eine wichtige Rolle. Die Wahrscheinlichkeit, an dieser CED zu erkranken, hängt Studien zufolge unter anderem davon ab, in welchem Land und unter welchen hygienischen Verhältnissen man lebt oder ob man in städtischen oder ländlichen Gebieten wohnt. In Industrieländern und Städten kommt Morbus Crohn zum Beispiel sehr viel öfter vor als in ärmeren Ländern und in ländlichen Regionen.
Dass die Psyche das Risiko für Morbus Crohn beeinflusst, gilt hingegen inzwischen als widerlegt. Allerdings verschlechtert die Krankheit, nachdem sie ausgebrochen ist, bei vielen Patienten das seelische Befinden – und das wiederum könnte sich ungünstig auf den Verlauf der CED auswirken. Auch eine falsche Ernährung erhöht nach heutigem Wissen weder das Risiko für das Entstehen der Erkrankung noch das von Krankheitsschüben.
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Referenzen
https://www.internisten-im-netz.de/krankheiten/morbus-crohn/morbus-crohn-ursachen-risikofaktoren.html
Dtsch Arztebl 2004; 101(22): A-1608
https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/detail/article/32365Science 2017; 358(6361): 359-365
https://www.dccv.de/betroffene-angehoerige/leben-mit-einer-ced/rauchen
Colorectal Disease 2007; 9(6): 567-571
https://www.kompetenznetz-darmerkrankungen.de/index.php/morbus-crohn.html
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