Mit den Fortschritten der antiretroviralen Therapie hat sich inzwischen nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebenserwartung HIV-infizierter Menschen erhöht. Daher werden nunmehr auch Menschen mit HIV älter und entwickeln verschiedene Probleme und Symptome, die bei höherem Alter häufiger vorkommen.
Welche Probleme sind dies genau bei älteren Menschen mit HIV? Dies untersuchten Forscher mit einer Gruppe von Personen über 50 Jahren. 52 der Studienteilnehmer waren HIV-positiv, 104 Teilnehmer HIV-negativ. Die Teilnehmer waren so gewählt, dass sie sich in Alter, Geschlecht, Wohnort und verschiedenen weiteren Faktoren möglichst ähnlich waren. Im Vergleich zeigten sich keine Alters-bedingten Beeinträchtigungen, die besonders bei HIV-positiven Menschen aufgetreten wären. Lediglich die durchschnittliche Muskelmasse schien bei HIV-positiven Menschen im Schnitt niedriger zu sein als bei HIV-negativen Menschen. Die Forscher schließen aus ihrem Ergebnis, dass die umfassende und langfristige medizinische Versorgung bei HIV-Infektionen sowie die stabile Suppression des Virus durch die antiretrovirale Therapie offenbar dazu führt, dass sich Betroffene gesundheitlich auch im Alter nur wenig von anderen Menschen unterscheiden.1
Allerdings wurde auch berichtet, dass möglicherweise die geistigen Fähigkeiten HIV-Infizierter mit zunehmendem Alter stärkere Spuren der Infektion davontragen. Wissenschaftler analysierten dazu die bisherige Forschung der vergangenen Jahre und betrachteten 44 Studien mit insgesamt 14 376 Personen mit HIV und 6 043 HIV-negativen Kontrollpersonen. Um eventuelle kognitive Beeinträchtigungen genauer erfassen zu können, wurden 11 Studien mit zusammen 2 139 Personen mit HIV im Detail verglichen. Die Studie fand verschiedene Risikofaktoren mit Einfluss auf die Blutgefäße, die eine Beeinträchtigung des Gehirns und der kognitiven Leistungen im Alter wahrscheinlicher machten. Dazu zählten besonders Typ-2-Diabetes, erhöhte Blutfettwerte (Hyperlipidämie), Rauchen und frühere Herz-Kreislauferkrankungen, die besonders bei HIV-positiven Menschen das Risiko für kognitive Beeinträchtigungen erhöhten. Demnach, schließen die Forscher, sollten Menschen mit HIV-Infektion noch mehr als andere auf eine gesunde Lebensweise achten, also speziell:
Ernährung und Bewegung zum Schutz vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Gesunde Blutfettwerte
Rauchen stoppen oder gar nicht erst beginnen2
Tatsächlich gibt es auch mit HIV-Infektion die Chance, zum “SuperAger” zu werden, berichtete eine weitere Studie. Als SuperAger bezeichnet man die Menschen, die trotz höheren Alters gewissermaßen jugendliche neurokognitive Leistungen erbringen können – also geistig topfit sind, ein sehr gutes Gedächtnis haben und schnell neue Sachverhalte verarbeiten. Von 734 untersuchten Personen mit HIV zwischen 50 und 64 Jahren entsprachen 124, also immerhin 17 %, den Kriterien der SuperAger. Von den übrigen 610 HIV-positiven Menschen galten 279 (38 %) als kognitiv normal, 331 (45 %) wurden als geistig beeinträchtigt eingestuft. Bei den 123 HIV-negativen Personen zählten jedoch 43 (35 %) zu den SuperAgern, mehr als die Hälfte der Teilnehmer galt als kognitiv normal (55 %) und lediglich 13 (11 %) wiesen Zeichen einer kognitiven Beeinträchtigung auf.
Folgende Faktoren waren nach dieser Analyse den SuperAgern mit und ohne HIV, im Vergleich zu normalem Altern, gemein: Sie litten meist nicht an Diabetes, hatten eine hohe Sprachintelligenz und litten unter weniger depressiven Symptomen als normal alternde Menschen. Bei den SuperAgern mit HIV schien zudem das Immunsystem gesünder als bei anderen HIV-positiven Menschen zu sein: Deutlich weniger Personen hatten eine CD4-Zahl unter 200 Zellen/ml als in der Gruppe der Menschen mit relativ schwachen kognitiven Leistungen.3 Neben einer gesunden Lebensweise spielt somit auch die effektive und durchgängige antiretrovirale Therapie zum Schutz des Gehirns beim Älterwerden eine wichtige Rolle.
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Referenzen
1. Titon JP, Titon OJ, Júnior VS, Wendt GW, Follador FAC, Vieira AP, Ferreto LED. Sociodemographic, behavioral, and geriatric characteristics in older adults with and without HIV: A case-control study. Medicine (Baltimore). 2021 Jul 30;100(30):e26734. doi: 10.1097/MD.0000000000026734. PMID: 34397711; PMCID: PMC8322525. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34397711/
2. McIntosh EC, Tureson K, Rotblatt LJ, Singer EJ, Thames AD. HIV, Vascular Risk Factors, and Cognition in the Combination Antiretroviral Therapy Era: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Int Neuropsychol Soc. 2021 Apr;27(4):365-381. doi: 10.1017/S1355617720001022. Epub 2020 Nov 9. PMID: 33161930. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33161930/
3. Saloner R, Campbell LM, Serrano V, Montoya JL, Pasipanodya E, Paolillo EW, Franklin D, Ellis RJ, Letendre SL, Collier AC, Clifford DB, Gelman BB, Marra CM, McCutchan JA, Morgello S, Sacktor N, Jeste DV, Grant I, Heaton RK, Moore DJ; CHARTER and HNRP Groups. Neurocognitive SuperAging in Older Adults Living With HIV: Demographic, Neuromedical and Everyday Functioning Correlates. J Int Neuropsychol Soc. 2019 May;25(5):507-519. doi: 10.1017/S1355617719000018. Epub 2019 Mar 20. PMID: 30890191; PMCID: PMC6705613. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30890191/
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