Tocilizumab – Anwendung, Wirkung und Nebenwirkungen

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Zusammenfassung
Tocilizumab ist ein monoklonaler Antikörper, der zur Behandlung chronischer Entzündungen eingesetzt wird. Er besetzt Eiweiße, die Entzündungssignale empfangen und für deren Entstehung und Aufrechterhaltung von Bedeutung sind. Die Anwendungsgebiete umfassen rheumatische Gelenkentzündungen und andere Formen überschießender Immunreaktionen. Der Wirkstoff geht mit einigen möglichen Nebenwirkungen einher, die sich beispielsweise an der Haut, den Schleimhäuten und dem Verdauungstrakt bemerkbar machen und zu Leberschäden führen können. Außerdem beeinflusst er die Wirkung einiger anderer Arzneimittel. Deshalb muss Tocilizumab vom Arzt verschrieben werden oder wird von medizinischem Fachpersonal angewendet.
Was ist Tocilizumab?
Tocilizumab ist ein sogenannter monoklonaler Antikörper. Diese winzigen Eiweiße (Proteine), die auch als Immunglobuline bezeichnet werden, binden an bestimmte Strukturen, wobei sie äußerst spezifisch sind. Monoklonal bedeutet, dass alle diese Antikörper aus einer einzigen Zelllinie angezüchtet werden.
Die Strukturen, an die Antikörper binden, können sehr unterschiedlich sein. Mögliche Ziele umfassen beispielsweise einen kleinen Teil eines Viruspartikels, einer Bakterienzelle, von Pollen oder bestimmten Proteinen im Körper. Jeder Antikörper passt jedoch nur auf eine solche Zielstruktur, die als Epitop bezeichnet wird. Ein Abwehreiweiß, das gegen Schnupfenviren gebildet wird, wirkt beispielsweise nicht gegen Grippeviren oder Bakterien, die Husten auslösen. Das bedeutet, dass im Körper sehr viele verschiedene Immunglobuline zu finden sind, die eine gezielte Antwort auf unterschiedliche Bedrohungen erlauben. Wissenschaftler sprechen von einem Schlüssel-Schloss-Prinzip, weil ein Antikörper ähnlich einem Schlüssel nur in ein Schloss, also die entsprechende Zielstruktur, passt. Immunglobuline spielen eine entscheidende Bedeutung bei der Abwehr von Krankheitserregern, aber auch bei der Entwicklung von Allergien und Autoimmunerkrankungen.
Tocilizumab ist ein verschreibungspflichtiges Medikament. Das heißt, es wird vom Arzt angewendet oder man bekommt es nur auf Rezept in einer Apotheke.
Wie wirkt Tocilizumab?
Tocilizumab bindet an ein Protein im Körper, das Signale in Form des Interleukin-6 (IL-6) empfängt, ein sogenannter Rezeptor. Zytokine/Proteine wie IL-6 vermitteln Entzündungsreaktionen. Indem der Antikörper sich an den IL-6-Rezeptor heftet, reagiert dieser nicht mehr auf den Signalstoff. Dadurch wird die Entzündungsreaktion abgeschwächt, was man sich bei anhaltenden (chronischen) entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis zu Nutzen macht.
Wie und bei welchen Beschwerden wird Tocilizumab eingesetzt?
Tocilizumab wird zur Behandlung schwerer und/oder chronischer Entzündungen eingesetzt, unter anderem bei:
- Erwachsenen mit schweren aktiven voranschreitenden (progressiven) Formen rheumatoider Gelenksentzündungen (Arthritiden), wenn sie nicht bereits mit dem Medikament Methotrexat behandelt wurden. Auch wenn andere Wirkstoffe nicht geholfen haben oder vertragen wurden, kommt Tocilizumab zum Einsatz.
- Einer anderen Form der Gelenkentzündung, der juvenilen idiopathischen Arthritis bei Kindern, die älter als zwei Jahre sind und wenn Entzündungshemmer wie Glukokortikoide oder nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) nicht geholfen haben.
- Riesenzellarteriitis (RZA), einer autoimmunbedingten Gefäßentzündung.
- Bestimmten Formen des Zytokin-Freisetzungs-Syndroms (CRS), bei dem große Mengen Zytokine im Körper freigesetzt werden, die zu massiven Entzündungsreaktionen führen.
- Bei schweren Verläufen von Covid-19, bei denen eine Beatmung notwendig ist.
Häufig wird Tocilizumab mit anderen Medikamenten kombiniert, beispielsweise Methotrexat bei Gelenksentzündungen oder Glukokortikoiden bei schweren Covid-19-Erkrankungen. Es ist aber auch eine alleinige Therapie mit dem Wirkstoff möglich.
Die Dosierung richtet sich nach der zu behandelnden Erkrankung und dem Körpergewicht der betreffenden Person:
- Erwachsene mit rheumatoider Arthritis: Tocilizumab acht Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bis maximal 800 Milligramm pro Infusion, alle vier Wochen
- Bei Riesenzellarteriitis 162 Milligramm einmal wöchentlich. Zu Beginn meist in Kombination mit Glukokortikoiden, später ohne diese.
- Bei einem Zytokin-Freisetzungssyndrom acht Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, bis maximal 800 Milligramm pro Infusion, bei Bedarf alle acht Stunden, also bis zu viermal täglich. Meist in Kombination mit Glukokortikoiden.
Die Dosierung lässt sich anpassen, wenn sich Leber- oder bestimmte Parameter der Blutwerte verändern (Thrombozyten, neutrophile Granulozyten).
Das Medikament ist als Infusion für die Anwendung über die Vene oder in Form von speziellen Injektoren (Einmal-Pens) erhältlich, welche die Injektion unter die Haut auch zu Hause erlauben.
Nicht eingenommen werden sollte Tocilizumab
- bei Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder sonstigen Arzneimittelbestandteilen,
- bei aktiven, schweren Infektionen,
- während der Schwangerschaft (weil keine ausreichenden Daten beim Menschen vorliegen, bei Tierversuchen kam es aber zu Fehlgeburten),
- Während der Stillzeit: Ebenfalls nicht erforscht und deshalb nicht empfohlen, gegebenenfalls sollte eine Stillpause in Betracht gezogen werden, wenn Tocilizumab in dieser Zeit angewendet werden muss.
Welche Nebenwirkungen können bei der Anwendung von Tocilizumab auftreten?
Häufige Nebenwirkungen bei der Anwendung von Tocilizumab sind:
- Steigende Blutfettwerte (Hypercholesterinämie)
- Infektionen der oberen Atemwege, Husten und Probleme bei der Atmung
- Bauchschmerzen
- Geschwüre der Mundschleimhaut
- Magenschleimhautentzündung
- Übelkeit, Durchfall
- Juckreiz und Hautausschläge
- Veränderungen des Blutbilds
- Flüssigkeitsansammlungen im Gewebe (Ödem)
- Überempfindlichkeitsreaktionen
Gibt es Wechselwirkungen von Tocilizumab und anderen Medikamenten?
Tocilizumab tritt mit einigen anderen Medikamenten in Wechselwirkung und macht unter Umständen eine Dosisanpassung notwendig, beispielsweise bei:
- Statinen, also Cholesterinsenker, wie Simvastatin oder Atorvastatin
- Entzündungshemmende Glukokortikoiden, etwa Dexamethason oder Methylprednisolon
- Theophyllin, einem Bronchodilatator, der gegen chronische Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale oder chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) eingesetzt wird
- Kalziumkanalblocker gegen verschiedene Herzerkrankungen
- Warfarin, einem Gerinnungshemmer
- Ciclosporin, einem Medikament, um Immunreaktionen herabzusetzen (Immunsuppressivum)
- Benzodiazepinen, also Anxiolytika, die gegen Angst- und Schlafstörungen eingesetzt werden.
Interleukin-6 setzt die Aktivität von zentralen Stoffwechselenzymen der Cytochrom-P450-Familie herab, über die viele Arzneimittel abgebaut werden. Unter der Behandlung mit Tocilizumab kann sich deren Aktivität wieder normalisieren. Dann werden Medikamente unter Umständen schneller verstoffwechselt, was eine Dosisanpassung notwendig machen kann.
Veröffentlicht am: 13.08.2026
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ATC Code(s)
ATC Codes sind internationale Klassifikationen von Wirkstoffen und Arzneimitteln.
- L04AC07
- Quelle: Gelbe Liste
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Quellen
[1] Die Gelbe Liste Pharmindex. Monoklonale Antikörper, https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffgruppen/monoklonale-antikoerper
[2] Die Gelbe Liste Pharmindex. Tocilizumab, https://www.gelbe-liste.de/wirkstoffe/Tocilizumab_50563
[3] Mutschler Arzneimittelwirkungen. 11. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart (2020)
[4] Pschyrembel klinisches Wörterbuch online. Zytokin-Freisetzungs-Syndrom (CRS), https://www.pschyrembel.de/Zytokin-Freisetzungs-Syndrom/A0VJX/doc/
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