
Für viele Menschen mit Epilepsie und deren Angehörige ist das Leben von der ständigen Sorge begleitet, plötzlich einen Anfall zu erleiden. Wearables, also kleine Geräte, die am Körper getragen werden, können nicht nur zuverlässig epileptische Anfälle dokumentieren, sondern im Ernstfall auch andere darüber informieren. Und sogar Wearables zur Anfallsvorhersage könnten bereits bald Einzug in den Alltag von Betroffenen halten.
In Deutschland gibt es rund 640.000 Menschen, die an Epilepsie erkrankt sind. Auch wenn viele von ihnen mithilfe anfallshemmender Medikamente ein Leben frei von epileptischen Attacken führen können, ist doch die Sorge oft groß, erneut einen Anfall zu erleiden. Denn im Ernstfall ist schnelles Handeln gefragt, um Verletzungen zu verhindern. Besonders gefürchtet sind nächtliche Anfälle im Schlaf, da diese in seltenen Fällen unerwartet zum Tod führen können (SUDEP: Sudden Unexpected Death in Epilepsy).
Seit einigen Jahren gibt es technische Helfer, die diese Sorgen von Epilepsie-Erkrankten und deren Angehörigen lindern können. Sogenannte Wearables, also am Körper getragene Geräte wie Armbänder für das Handgelenk oder den Oberarm, Klebeelektroden oder In-Ohr-Sensoren. Diese messen zum Beispiel Bewegungsmuster, die Muskel- oder Herzaktivität oder die Hirnströme und schlagen bei verdächtigen Messungen Alarm.
Wearables zählen in Deutschland zu den sogenannten Hilfsmitteln; die Kosten für diese Hilfsmittel können von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Da die Kostenübernahme für jeden einzelnen Fall geprüft wird, ist es notwendig, sich das Hilfsmittel per Rezept verschreiben zu lassen und einen entsprechenden Antrag bei der Krankenkasse einzureichen. Dieser Antrag muss in der Regel neben einem Kostenvoranschlag auch eine ärztliche Stellungnahme zur Notwendigkeit des Hilfsmittels enthalten. Stellt sich die Krankenkasse quer, ist es sinnvoll, sich beim Sozialdienst beispielsweise einer Epilepsieambulanz, eines Epilepsiezentrums oder einer Epilepsieberatungsstelle zu informieren.
Epi-Care free und Epi-Care mobile: Die Basis von Epi-Care free und EpiCare mobile des dänischen Herstellers Danish Care Technology bildet ein kleiner, drahtloser Sensor, der tagsüber und nachts mithilfe eines Armbands am Handgelenk getragen wird. Bei Epi-Care free gehört zum System ein Tischgerät, das einen Alarmton abgibt und den Alarm zum Beispiel an einen Pieper oder ein Telefon weiterleiten kann. Bei Epi-Care mobile wird der Sensor dagegen über Bluetooth mit einer App verbunden, die auf dem mitgelieferten Smartphone vorinstalliert ist. Das Epi-Care-System kann epileptische Anfälle von Alltagsbewegungen unterscheiden und löst bei Erkennung eines Anfalls einen Alarm aus. Das Tischgerät oder die App informiert andere Personen über den Alarm. Die App sendet zudem den aktuellen Standort als GPS-Koordinaten an die zuvor eingestellte Nummer, sodass schnell klar ist, wo sich die betroffene Person gerade befindet. Außerdem lassen sich bei der App unterschiedliche Alarmnummern für Tag und Nacht festlegen. Sowohl Epi-Care free als auch Epi-Care mobile dokumentieren automatisch alle detektierten Anfälle.
NightWatch: Die NightWatch des niederländischen Herstellers LivAssured besteht aus einem Sensor, den die Person während des Schlafs mithilfe eines Bandes am Oberarm trägt, und einer Basisstation. Diese kann beispielsweise mit Pflegerufsystemen gekoppelt werden oder mithilfe eines optionalen Mobilfunk-Moduls bis zu fünf Rufnummern automatisch anrufen. Das NightWatch-System kombiniert zwei Messmethoden: Bewegungsmuster und Herzfrequenzveränderungen. Die Basisstation lässt sich mit dem Internet verbinden; dadurch lassen sich alle erhobenen Messdaten zur Bewegung und Herzfrequenz, die der Sensor aufgezeichnet hat, an ein spezielles Online-Portal übertragen. Dort werden die Datensätze wie bei einem Tagebuch gespeichert. Man kann dort außerdem die Messwerte als leicht verständliche Kurven darstellen und diese bei Bedarf als Link per E-Mail teilen.
Daneben gibt es noch weitere Systeme zur Erkennung von Anfällen, die jedoch nicht am Körper getragen, sondern beispielsweise unter der Matratze positioniert werden. In der Medizin nennt man diese Geräte daher stationäre Anfallsüberwachungssysteme. Auch für solche Systeme übernimmt die Krankenkasse die Kosten, wenn Arzt oder Ärztin sie verschrieben haben und sie als Hilfsmittel anerkannt sind. Das trifft zum Beispiel auf Epi-Care 3000 von Danish Care Technology und den Epilepsie-Alarm des finnischen Herstellers Emfit zu.
Wearables für Kinder mit Epilepsie
Gerade für Eltern kann es sehr belastend sein, zu wissen, dass ihr Kind nachts einen epileptischen Anfall erleiden könnte. Oft schlafen die betroffenen Kinder daher nur bei offener Tür oder im Schlafzimmer der Eltern. Doch die nächtliche Dauerpräsenz der Eltern ist nicht nur für die Erwachsenen stressig und schlafraubend, sondern kann auch die Entwicklung der Kinder zur Eigenständigkeit behindern. Wearables können hier eine Lösung sein, um die Eltern zu entlasten, dem Kind mehr Eigenständigkeit zu ermöglichen und die Schlafqualität der gesamten Familie zu verbessern. Als Medizinprodukt CE-zertifizierte Systeme für Kinder sind zum Beispiel:
Epi-Care free (Danish Care Technology)
Epi-Care mobile (Danish Care Technology)
NightWatch (LivAssured)
Embrace2 (Empatica)
Ob ein Wearable oder ein stationäres Überwachungsgerät die beste Lösung ist, hängt von der individuellen Situation ab. Daher ist es wichtig, gemeinsam mit dem Behandlungsteam über die Vor- und Nachteile der einzelnen Systeme zu sprechen. Bei einigen Herstellern kann man zudem testweise ein Gerät mieten, um auszuprobieren, wie es sich im Alltag bewährt.
Einen Schritt weiter gehen Wearables, deren Ziel es ist, epileptische Anfälle zuverlässig vorherzusagen. Denn viele Menschen mit Epilepsie vermeiden potenziell gefährliche Aktivitäten wie Schwimmen oder Bergwandern, da sie Angst haben, ohne Vorwarnung eine epileptische Attacke zu erleiden. Doch auch wenn intensiv an solchen Geräten geforscht wird, sind hierzulande bislang noch keine Wearables zur Anfallsvorhersage auf dem Markt. Doch das könnte sich bald ändern: Das von der spanischen Firma mjn-neuro entwickelte CE-zertifizierte Gerät namens mjn-SERAS wird ähnlich wie ein Hörgerät im Ohr getragen und analysiert mittels Elektroenzephalogramm (EEG) kontinuierlich die elektrische Aktivität im Gehirn. So soll es spätestens eine Minute vor dem Beginn die betroffene Person (und wenn gewünscht, weitere Personen) davor warnen können, dass ein Anfall unmittelbar bevorsteht. Das gibt Erkrankten beispielsweise Zeit, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und sich in eine sichere Umgebung zu begeben.
Für Menschen mit Epilepsie stehen bereits heute einige tragbare Systeme zur Verfügung, mit denen sich Anfälle zuverlässig erkennen lassen und die Vertrauenspersonen wie Eltern oder Pflegekräfte bei Bedarf informieren können. Betroffene sollten gemeinsam mit dem ärztlichen Behandlungsteam besprechen, welches System am besten für sie geeignet ist. Manchmal gibt es auch die Möglichkeit, ein System für eine Testphase beim Hersteller zu mieten, um den Einsatz im Alltag zu erproben. Wer sich für ein Wearable entscheidet, sollte mit der Krankenkasse die Kostenübernahme klären. Neben klassischen Systemen zur Anfallsdetektion könnten zukünftig auch Wearables zur Anfallsvorhersage das Leben von Menschen mit Epilepsie erleichtern.
[1] Deutsche Hirnstiftung. Epilepsie. https://hirnstiftung.org/alle-erkrankungen/epilepsie/
[2] Peter Hopp, Christina Weber: Wearables im Einsatz bei epileptischen Anfällen: Was Überwachungssysteme können und wie sie verordnet werden. Die Neurologie & Psychiatrie 2023; 24 (3). https://www.springermedizin.de/content/pdfId/25429044/10.1007/s15202-023-5665-x
[3] Victoria San Antonio-Arce, Friederike Wilbert, Andreas Schulze-Bonhage. Wearables zur Anfallserkennung bei Epilepsie: Kleine Helfer für mehr Lebensqualität und Autonomie. Pädiatrie 2023; 35 (1). https://www.springermedizin.de/content/pdfId/24031662/10.1007/s15014-022-4798-2
[4] Rainer Surges. Wearables bei Epilepsien. Klin Neurophysiol 2021; 52: 29–38. https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/pdf/10.1055/a-1353-9099.pdf
[5] Erkennungssystem für epileptische Anfälle im Schlaf. Veröffentlicht am 07. Juni 2023. https://www.journalmed.de/news/lesen/epilepsie-erkennungsgeraets-nightwatch
[6] Anthony King. For epilepsy sufferers, cutting-edge technology offers early alerts of seizures. Veröffentlicht am 17. Mai 2023. https://ec.europa.eu/research-and-innovation/en/horizon-magazine/epilepsy-sufferers-cutting-edge-technology-offers-early-alerts-seizures
[7] Danish Care Technology. https://danishcaretechnology.de/
[8] LivAssured. https://nightwatchepilepsy.com/de/
[9] mjn-neuro. https://mjn.cat/en/