Die Patientensicherheit ist ein wesentlicher Baustein für die Qualität unserer Gesundheitsversorgung. Laut Weltgesundheitsorganisation werden weltweit etwa zehn Prozent aller Behandelten im Gesundheitssystem geschädigt. Daher sind Maßnahmen zur Erhöhung der Patientensicherheit ein zentraler Gedanke bei der Weiterentwicklung des Gesundheitssystems – auch im Hinblick auf die fortschreitende Digitalisierung.
Mit Patientensicherheit ist gemeint, dass Patientinnen und Patienten vor Schäden bewahrt werden sollen, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Behandlung oder Pflege auftreten können. Dabei geht es insbesondere um vermeidbare Patientenschädigungen. Häufige unerwünschte Ereignisse sind beispielsweise Fehler in der Medikation, Chirurgie oder Diagnose, aber auch Krankenhausinfektionen, Stürze oder unsichere Injektionen und Transfusionen. Unerwünschte Ereignisse lassen sich in unterschiedliche Schweregrade einteilen, die von Beinahe-Schäden bis hin zu tödlich verlaufenden Fehlern reichen.
Um die Patientensicherheit in der Gesundheitsversorgung zu erhöhen, braucht es Maßnahmen und Bedingungen, die das Risiko für Therapiefehler oder andere unerwünschte Ereignisse senken. In erster Linie hängt die Verbesserung der Patientensicherheit davon ab, wie gut die einzelnen Komponenten eines Systems zusammenwirken. Dazu gehören nicht nur Gesundheitseinrichtungen wie Kliniken, ärztliche Praxen oder Pflegeeinrichtungen, sondern auch Organisationen wie Krankenkassen und letztlich die Patientinnen und Patienten.
Vermeidbare Patientenschäden stellen in allen Bereichen der medizinischen Versorgung ein großes Problem dar. Laut Studien ist weltweit etwa jede zehnte Patientin bzw. Patient von einem Schaden in der Gesundheitsversorgung betroffen, und die Hälfte dieser Schäden wäre durch eine bessere Patientensicherheit vermeidbar. Von den vermeidbaren Patientenschäden wiederum führen ungefähr zwölf Prozent zu dauerhaften Behinderungen oder sogar zum Tod der Betroffenen. Das vom Bundesgesundheitsministerium unterstützte Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) e. V. geht davon aus, dass in Deutschland jährlich tausende Menschen im Zusammenhang mit Patientenschäden sterben.
Dazu kommen die Kosten, die solche Schäden aufgrund fehlender Patientensicherheit für das Gesundheitssystem verursachen. Technologische Fortschritte wie die zunehmende Digitalisierung könnten einen Teil der Patientenschäden, die bisher als nicht vermeidbar gelten, in Zukunft vermeidbar machen. Daher sind Maßnahmen zur Erhöhung der Patientensicherheit ein enorm wichtiger Teil der Qualitätssteigerung im Gesundheitswesen.
Ein großer Teil der vermeidbaren Patientenschäden tritt im Zusammenhang mit Arzneimittelzwischenfällen, in der Intensivmedizin oder bei chirurgischen Eingriffen auf. Häufige Ursachen für Patientenschäden in der Gesundheitsversorgung sind:
Medikationsfehler: Etwa die Hälfte aller vermeidbaren Schäden steht im Zusammenhang mit Medikamenten.
Chirurgische Verfahren: Ungefähr ein Zehntel der vermeidbaren Schäden entstehen bei Behandlungen im chirurgischen Bereich.
Therapeutisches und Hygiene-Management: Fast ein Viertel aller Fälle von einer lebensbedrohlichen Infektion mit einer Abwehrreaktion des ganzen Körpers (Sepsis) entsteht im Zusammenhang mit medizinischen Behandlungen. Im Krankenhaus erworbene Infektionen führen zu verlängerten Klinikaufenthalten, Langzeitschäden und Todesfällen.
Diagnosefehler: Studien zeigen, dass Diagnosen fehlerhaft sein können. Viele Menschen erhalten im Laufe ihres Lebens Fehldiagnosen.
Stürze: Sehr häufige unerwünschte Ereignisse in Krankenhäusern sind Stürze von Patientinnen und Patienten.
Pflege-Management: Oft auftretende Patientenschäden in Krankenhäusern sind Blutgerinnsel (Thrombosen) und Druckgeschwüre.
Transfusionen und Injektionen: Unnötige Transfusionen oder unsichere Injektionspraktiken bergen das Risiko von übertragbaren Infektionen und unerwünschten Reaktionen oder Schäden.
Digitalisierung/Technologie: Bei der Anwendung von elektronischen und digitalisierten Medizinprodukten besteht die Gefahr von Ausfällen, Falschalarmen, Fehlanwendungen oder Cyberangriffen.
Für Maßnahmen der Patientensicherheit in der Gesundheitsversorgung sind in Deutschland in erster Linie die Unternehmen selbst sowie die Ärztekammern als übergeordnete Organe zuständig. Im Aktionsbündnisses Patientensicherheit e. V. haben sich außerdem Vertreterinnen und Vertreter der Gesundheitsberufe, ihre Verbände, Patientenorganisationen sowie Industrie und Wirtschaft zusammengeschlossen. Expertinnen und Experten erarbeiten hier gemeinsam konkrete Handlungsempfehlungen zur Förderung von Patientensicherheit und stellen diese allen Einrichtungen im Gesundheitswesen kostenlos zur Verfügung. Das Aktionsbündnis wird auch unterstützt vom Forschungsinstitut für Patientensicherheit an der Universität Bonn.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Mai 2019 die Resolution „Globale Maßnahmen zur Patientensicherheit“ verabschiedet, womit der Patientensicherheit ein sehr hoher Stellenwert für die Zukunft der globalen Gesundheitsversorgung eingeräumt wird. Die Resolution umzusetzen ist Aufgabe der jeweiligen Mitgliedsstaaten. So gibt es in Deutschland umfangreiche Qualitäts- und Sicherheitsvorgaben wie im Arzneimittel- und Medizinproduktegesetz oder im Infektionsschutzgesetz sowie Verpflichtungen zur Qualitätssicherung, die unter anderem im Sozialgesetzbuch verankert sind. Die Patientensicherheit ist zudem durch das Patientenrechtegesetz gestärkt worden, wonach Krankenhäuser zu bestimmten patientenorientierten Maßnahmen verpflichtet wurden. Dazu gehören:
Beschwerdemanagement: Diese einrichtungsinterne Maßnahme soll Patientenerfahrungen bearbeiten, Prozesse transparenter machen und die Qualität der Patientensicherheit fördern.
Qualitätsmanagement: In diesen Richtlinien des gemeinsamen Bundesausschusses (des Gesundheitswesens) sind Mindeststandards für ein sachgerechtes Risiko- und Fehlermanagement festgelegt, um die Patientensicherheit zu erhöhen.
Fehlermeldesysteme: Einrichtungsübergreifende Systeme zur Fehlermeldung sollen dazu beitragen, dass Krankenhäuser aus Fehlern schneller gemeinsam lernen und Wiederholungen mit weiteren Patientenschäden reduziert werden.
Ein Großteil der Patientenschäden ist auf Systemmängel zurückzuführen. Daher ist die Bereitschaft der Beteiligten zu kontinuierlichem Lernen und Weiterentwicklung entscheidend für eine Verbesserung der Patientensicherheit. Wichtig ist dabei die Zusammenarbeit aller Akteurinnen und Akteure im Gesundheitssystem. Dazu gehören Gesundheitseinrichtungen wie Apotheken, Praxen und Kliniken ebenso wie Patientenvertretungen, Krankenkassen, Behörden, Forschung und Industrie.
Patientensicherheit in Gesundheitseinrichtungen lässt sich durch verschiedene Maßnahmen, Technologien, Umgebungen oder Verhaltensweisen erhöhen.
Zu einem guten Management der Patientensicherheit gehören beispielweise:
Arzneimitteltherapiesicherheit: Wichtig sind Standards für die Dokumentation einer Arzneimittelverordnung, Medikationspläne, Dosiskalkulationssysteme mit Warnfunktion und ein Vier-Augen-Prinzip im Medikationsprozess, insbesondere beim Einsatz von Hochrisikoarzneimitteln.
Operations-Checklisten: Besondere Sicherheitsfragen in der Chirurgie vor, während und nach einem Eingriff dienen der Vermeidung von Verwechslungen oder im OP-Bereich vergessener Fremdkörper und anderen Fehlern, die zu Komplikationen führen können.
Praxis- und Pflegemanagement: Hierzu gehören Hygienepläne zur Vermeidung und Früherkennung von Krankenhaus-Infektionen, Prävention von Stürzen sowie Konzepte für Pflege und Psychotherapie.
Anwendung von Medizinprodukten: Gerade bei technischen und digitalen Medizinprodukten gibt es eine Anzahl an Fehlerquellen, etwa in der Intensivmedizin, bei der Überwachung von Vitalparametern, bei der Dosierung von Medikamenten oder der Verwendung von Gesundheits-Apps.
Risikomanagementsysteme: Von Bedeutung für die Patientensicherheit sind etwa die Implementierung und Durchführung von Fallanalysen sowie die korrekte Kommunikation nach einem Zwischenfall.
Eine weitere Maßnahme, welche laut Studien bis zu 80 Prozent an schwerwiegenden Behandlungsfehlern verhindern könnte, betrifft die Kommunikation zwischen medizinischem Personal und die Kommunikation zwischen Behandelnden und Behandelten. Dazu gibt es bereits verschiedene wissenschaftliche Leitlinien. Das bekannteste Modell sind die fünf SACCIA-Kernkompetenzen für sichere Kommunikation, die folgendermaßen definiert sind: Der Informationsaustausch muss genügend (sufficiency), genau (accuracy), klar (clarity), kontextgebunden (contextualization) und persönlich angepasst (interpersonal adaption) sein. Hiermit könnten sowohl Fehler bei der Diagnostik und Medikation vermieden werden als auch Schwierigkeiten, die auf unzureichend kommunizierten Pflegeübergaben beruhen.
Elektronische Patientenakte (ePA), Gesundheits-Apps oder digitale Anwendungen in Kliniken bieten an vielen Stellen konkrete Chancen, die Patientensicherheit in der Gesundheitsversorgung durch neue Technologien enorm zu steigern. Gleichzeitig birgt die Digitalisierung Risiken, die sich aus technischen Mängeln, Systemfehlern oder fehlerhaften Anwendungen ergeben. Eine besonders große Rolle bei der Digitalisierung spielen folgende Bereiche:
Elektronische Patientenakte: Die digitale Dokumentation von Untersuchungsergebnissen, Diagnosen, Therapien, Medikationsplänen und anderen wichtigen Informationen macht Behandlungsabläufe und Entscheidungen transparenter für alle Beteiligten. Doppeluntersuchungen können so vermieden werden. Gleichzeitig können benötigte Informationen schnell und sicher an andere Stellen übermittelt werden und sind im Notfall sofort zugänglich.
Systeme zur Entscheidungsunterstützung: Software-Anwendungen zur Unterstützung von Diagnosen oder zur Entscheidungsfindung der Therapiewahl nehmen kontinuierlich zu und können auf immer größere Datenmengen aus evidenzbasierter Medizin zugreifen. Digitale Medikationspläne helfen etwa bei der Kalkulation der richtigen Dosis oder warnen bei Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln.
Gesundheits-Apps: Gesundheits-Apps bergen sowohl Chancen als auch Risiken für die Nutzerinnen und Nutzer, vor allem, da es wenig Transparenz und zuverlässige Bewertungen gibt. Checklisten helfen dabei, zu erkennen, ob eine App datenschutzrechtliche Vorgaben einhält, ein Zertifikat als Medizinprodukt hat und zur Unterstützung für die jeweilige, individuelle Therapie sicher ist.
Sowohl für digitale Anwendungen als auch für alle anderen Behandlungsmethoden gilt, dass Transparenz eine wesentliche Voraussetzung für die Verbesserung der Patientensicherheit im Gesundheitsbereich ist. Qualitätsstandards für Berichte beziehungsweise Bewertungen von Schäden, unerwünschten Ereignissen oder sicherheitsrelevanten Vorkommnissen sind essenziell. Nur so können alle Beteiligten lernen und entsprechende Vorkehrungen treffen, um vermeidbare Patientenschäden zu verringern. Aber auch Patientinnen und Patienten können zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen, indem sie sich beispielsweise auf einen Besuch bei der Ärztin oder dem Arzt oder den Krankenhausaufenthalt vorbereiten und bei der Nutzung von Gesundheits-Apps besondere Vorsicht walten lassen.
Veröffentlicht am: 12.06.2026
[1] Bundesgesundheitsministerium. Patientensicherheit. Stand: 29. Oktober 2021. https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/p/patientensicherheit.html
[2] Aktionsbündnis Patientensicherheit e. V. Homepage. https://www.aps-ev.de/
[3] World Health Organization. Patient safety. 11 September 2023. https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/patient-safety
[4] Healthcare Digital. Definition: Was ist Patientensicherheit? 15.11.2024. https://www.healthcare-digital.de/was-ist-patientensicherheit-a-d6579a13dad4878ed63d11b23e1b58bf/
[5] Hannawa AF. SACCIA. Safe Communication Model. https://annegrethannawa.com/saccia-1
[6] Panagioti M, Khan K, Keers RN et al. Prevalence, severity, and nature of preventable patient harm across medical care settings: systematic review and meta-analysis. BMJ 2019;366:l4185.
[7] Sellge, E., Hagenmeyer, EG. (2019). Digitalisierung und Patientensicherheit. In: Klauber, J., Geraedts, M., Friedrich, J., Wasem, J. (eds) Krankenhaus-Report 2019. Springer, Berlin, Heidelberg.