Einschränkung der Mobilität

Einschränkung der Mobilität

Mobilität ist mehr, als irgendwie von A nach B zu gelangen. Mobilität bedeutet für mich, mich unabhängig und selbstbestimmt von A nach B zu bewegen. Aber wie kann ich das erreichen, wenn mir doch meine Beine immer wieder einen Strich durch die Rechnung machen? Wie soll ich einkaufen gehen, wenn meine Füße mich kaum bis ans Ende der Straße tragen? Wie soll ich ins Theater gehen, wenn dort überall Stufen sind? Wie soll ich mich mit Freunden im Restaurant treffen, wenn die Toiletten im Keller sind? Wie soll ich ins Büro kommen, das 30 km entfernt ist? Wie soll ich mit der Bahn fahren, wenn der Einstieg in den Zug über drei riesige Stufen für mich unüberwindbar ist? Wie soll ich Auto fahren, wenn die Kraft im rechten Fuß nicht ausreicht, um vor einem auf die Straße laufenden Hund zu bremsen? Wie soll ich mit meinem Freund in Urlaub fliegen, wenn man nur über eine lange Treppe ins Flugzeug gelangen kann? Wie soll ich bloß mein Leben leben, wenn meine Beine nicht mitspielen? Viele Menschen mit MS stehen vor diesen Fragen. Die Beantwortung scheint zunächst von außen betrachtet gar nicht so schwer.

1.    Meine Hilfsmittel und Helferlein

  • regelmäßige Physiotherapie, am besten auf neurophysiologischer Basis. Das Rezept dafür stellt die Neurologin/der Neurologe aus. Dreimal in der Woche ist das mein bester Start in den Tag, denn je nach Tagesform können diese wunderbaren Therapeuten und Therapeutinnen immer irgendetwas Gutes mit mir oder an mir bewegen.
  • Hippotherapie, das ist Physiotherapie auf dem Rücken eines Pferdes. Das Pferd dient dabei als therapeutisches Medium durch Bewegungsübertragung in der Gangart „Schritt“. Führt bei mir zu einem starken Rumpf, einer aufrechteren Haltung, entspannten Beinen und zu der Ausschüttung vieler Glückshormone, weil die Pferde so gut riechen und so schön sind.
  • Motomed-Training: https://www.motomed.com/betroffene/multiple-sklerose Das habe ich leider noch nicht zuhause, hätte ich aber gern, um ganz nebenbei bei meiner Lieblingsserie was für die Beweglichkeit zu tun.
  • Unterstützung beim Reisen: https://www.shop-apotheke.com/magazin/multiple-sklerose/unterwegs-mit-ms-meine-tipps-fuer-zug-flugzeug-und-unterkunft/
  • Gehhilfen, zum Beispiel Stöcke oder Krücken. Als es mir endlich nicht mehr peinlich war, meinen Stock mit in die Öffentlichkeit zu nehmen, öffneten sich buchstäblich alle Türen wie von selbst, keiner sah mich mehr komisch an, weil ich einen außergewöhnlichen Laufstil hatte.
  • wheelmap-App für Restaurants mit ebenerdigen Toiletten: https://www.shop-apotheke.com/magazin/multiple-sklerose/barrierefreiheit-mit-dem-rollstuhl-unterwegs/
    • Rollstühle: seit ich einen Rollstuhl habe, habe ich endlich mein altes mobiles Leben zurück. Ich kann fast überall hin, ich kann durch die Stadt bummeln, Spaziergänge durch den Park machen, lange Wege zum Beispiel am Bahnsteig oder am Flughafen allein zurücklegen, ich kann mit dem Rollstuhl zur Straßenbahn rollen, einsteigen und mit der Bahn fahren, wohin ich will. Ich muss nicht mehr direkt vor dem Restaurant einen Parkplatz finden, weil ich auch weitere Entfernungen einfach mit dem Rollstuhl zurücklege. Ich kann mich auch wieder durch Menschenmassen bewegen ohne Angst zu haben, umgeworfen zu werden. Ich kann auch endlich wieder in die Natur und mit meinem Freund über Stock und Stein wandern. Für mich ist der Rollstuhl die beste Erfindung, seit es Geh-Einschränkungen gibt.
    • elektrischer Zusatzantrieb für den Rollstuhl: https://www.alber.de/de/produkte/elektroantriebe-fuer-rollstuehle/e-motion Und das ist für mich die beste Erfindung, seit es Menschen wie mich gibt, die nicht genug Kraft haben, einen Rollstuhl ohne Zusatzantrieb zu bewegen.
    • Zuggeräte für Rollstühle. Das habe ich leider auch noch nicht, will ich aber unbedingt bald haben, um noch besser über holprige Wanderwege zu rollen und kleine Berge zu erklimmen.
    • Cadweazle, ein Strandrollstuhl zum Leihen zum Beispiel auf der Insel Juist: www.cadkat.com
    • Fußhebergeräte, damit mein müder Fuß beim Laufen nicht am Boden kleben bleibt
    • Handicap-Klettergruppen, bei denen man selbst mit ganz schlappen Beinchen noch steile Wände hochkraxeln kann, weil die lieben Bei-Kletterer einem beim Fuß-Anheben helfen, hier war ich zum Beispiel mal: https://www.dav-koeln.de/cgi-bin/gr1.cgi?hk einfach super.
    • Autoanpassung bzw. Autoumbau, hierzu gibt es ein wunderbares Informationsportal, das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert wird: https://www.rehadat-autoanpassung.de

    2.     Hilfsmittel und Helferlein willkommen heißen

    Doch die Sache ist viel komplizierter. Der Kopf muss nämlich bei all dem mitspielen. Vor vielen Jahren, als ich noch recht am Anfang meiner Erkrankung stand und eigentlich einfach nur gesund und fit sein wollte und mich innerlich gegen Hilfsmittel aller Art wehrte, fuhr ich mit Freunden an die Nordsee. Dort gab es für „gehbehinderte Inselbesucher“ ein so genanntes Wattmobil, das der Gehbehinderte ganz eigenständig über einen Joystick steuern konnte. Immerhin eigenständig, dachte ich. Meine Freunde waren begeistert, dass ich auf diese Weise an der Wattwanderung teilnehmen konnte. Ich fand das riesige Mobil, das mit einem gigantischen Solardeckel ausgestattet und dadurch noch größer war, zwar nicht so toll, willigte aber ein. Ich stellte mir vor, dass ich unauffällig in der letzten Reihe der großen Wandergruppe mitrollen könnte. Weit gefehlt. Der Wattführer Heino machte direkt zu Beginn eine Ansage: „Alle dem Wattmobil hinterher!“ Das war das Gegenteil von unauffällig. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm mir das alles war. Als wir ganz tief drin waren im Watt, kam es jedoch noch viel schlimmer als befürchtet. Da es den ganzen Tag über schon bewölkt gewesen war, hatte das Mobil sich entladen und ließ sich nun nicht mehr mit dem Joystick bewegen. Was folgte, war einfach nur furchtbar. Die mir teilweise völlig fremden Männer aus der Gruppe mussten dieses Monsterteil inklusive mir durchs Watt nach Hause schieben. Da es anscheinend sehr schwer war, mussten die Männer sich abwechseln. Ich hörte sie beim Schieben schnaufen, aber natürlich sagten sie, dass es gar nicht anstrengend sei und lächelten mich an. Meine Freundin gab mir zum Glück ihre große Sonnenbrille, so dass ich wenigstens unauffällig weinen konnte. Dieser Tag war der Gipfel der Abhängigkeit.

    Ungefähr zehn Jahre später war ich mit den gleichen Freunden wieder auf der Insel und lieh mir cadWeazle aus, den Strandrollstuhl, mit dem ich ganz eigenständig mit allen zusammen einen wunderschönen langen Strandspaziergang inklusive Füße ins Meer Halten machte. Ich brauste den Wellen entgegen und blieb stehen, wenn ich eine besonders schöne Muschel oder einen Krebs entdeckt hatte. Dass mir meine Freundin die Muschel aufheben musste, weil ich selbst nicht dran kam, machte mir gar nichts aus. Erst später wurde mir klar, dass cadWeazle das Wattmobil von damals war.

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